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Full text of "Der neuhochdeutsche Infinitiv als Teil einer umschriebenen Zeitform"

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BEOUEATHED BY 
PROFESSOR OF 

Oermanfc Xanouaoes an^ Itteratures 

IN THE 

1896-1899. 




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Der neuhochdeutsche Infinitiv 



ALS Teil 



EINER UMSCHRIEBENEN ZeITFORM. 



Historisch-grammatische Betrachtungen . 



Inaugural- Dissertation 



ZUR 



ERLANGUNG DER PHILOSOPHISCHEN DOKTOR WURDE 



AN DER 



UNIVERSITÄT GÖTTINGEN, 



VON 



PETER WILHELM MERKES 



LEIPZIG, 1895. 




Herrn Prof. Dr. M. HEYNE 

in Göttingen 
als Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit gewidmet. 



Der Infinitiv als Teil einer umschriebenen Zeitform. 

A. 

I. 

1. Der Infinitiv wird im Deutschen (eben so wie in 
den noch vorhandenen übrigen germanischen Sprachen 
und Mundarten) verwandt, um die dem Germanischen 
von je her fehlende einfache Form des Futuri zu um- 
schreiben. 

2. Unter Umschreibung wird hierbei verstanden die 
Ersetzung einer fehlenden Form durch zwei oder mehrere 
andere, die zusammengestellt ihre eigene Sonderbedeutung 
mehr oder weniger aufgeben, um zusammen die der feh- 
lenden anzunehmen, welche sie ersetzen. So ist de la 
mere die Umschreibung des jetzt fehlenden Genitivs von 
mere. 

3. Gewöhnlich sagt man nun ganz kurz, die Umschrei- 
bung sei die fehlende Form, und so heifst es denn auch 
durchgängig 

de la mere ist der Genitiv von la mhre 
und entsprechend 

Ich iverde "kommen ist das Futurum von kommen. 

4. Bekanntlich umschreibt das Französische (wie auch 
das Italienische und Spanische) sein Futurum auf ähn- 
liche Weise mit dem Hülfszeitwort haben, läfst aber dann 

1 



— 2 — 

die Wortformen, welche die Umschreibung bilden, eine 
Zusammensetzung eingehen, die oberflächlich betrachtet, 
den Eindruck einer neuen einfachen Flexionsform macht: 

parier — ai. 

5. Es ist leicht zu ersehen, dafs die zukünftige Be- 
deutung in dem flektierten Teil der Umschreibung liegt. 
Die Vollendung dessen, was ich werde, — was ich 
schuldig bin zu thun; — was ich geneigt bin zu 
thun, — was ich zu thun habe, kann eben nicht 
anders als in der Zukunft liegen: 

Ich werde schreiben; ik zai schrijven; 
he will write; fecrirai: scribam, 

6. Bisher galt die Ansicht, dafs dieser Infinitiv aus 
dem Participium Praesentis hervorgegangen sei, so dafs 
die merkwürdige Zusammenstellung ich werde + schreiben 
aufzufassen sei als entstanden aus der Urform ich werde 
schreibend (== ich werde ein Schreibender). 

7. Beispiele dieser Zusammenstellung von werden mit 
dem Participium Praesentis sind schon im Nibelungen- 
liede zu finden und lassen sich verfolgen bis ins 16te, 
ja 17te Jahrhundert, wo Paul Gebhard in seinem be- 
kannten Kirchenliede Befiehl du deine Wege die letzte 
Strophe mit den Worten beginnt Mach' End\ o Herr, 
mach' Ende und damit die Fassung der dem Liede zu 
Grunde liegenden Bibelstelle Psalm 37, 5: Er wird's 
wohl machende (statt des jetzt üblichen und auch aller- 
dings von Luther selbst gebrauchten Er wirds wol machen) 
beweist. 

8. Eedmann macht selbst drei Beispiele derselben 
aus WuLFiLA und eins aus Tatian namhaft, die mr des 
hohen Interesses, das sie bieten, hier mit der Über- 
setzung von Luther zusammenstellen wollen. 



— 3 — 

Makc. 13, 25 (Bernhardt Lutheb (Bindseil u. Nie- 
p. 1094*): Jah stairnonshimi' meyer, 1 850) : Vnd die Sterne 
nis wair^and driusandeins. werden vom Himmel fallen, 

Luc. 17, 35 (Bernhardt Zwo werden malen mit 
p. 762**): Twos wair]>and einander, 
malandeins, 

JoH. 16, 20 (Bernhardt Ir aber werdet trawrig 
p. 384): Jus saurgandans sein, (v. Ess: Dir we^'det 
wair]>i]> trauern.) 

Luc. 1, 20: TatianII, 9 
(Sievers p. 69^0): Jnti nu Du wirst erstummen, 
iiuirdist thü singenti (Beza: silebis), 

9. Aus diesen Stellen geht wohl zur Genüge hervor, 
dafs wir es hier in der That mit einer althergebrachten 
wirklichen Umschreibung des Futurs zu thun haben, zu- 
gleich aber auch, dafs bei Lutheb das Particip bereits 
nicht mehr verwandt wird. Dafs bei Luther unser 
modernes Futurum schon zur vollen Durchbildung ge- 
langt ist, erhellt auch noch aus zahlreichen andern Stellen, 
wovon namhaft gemacht seien: 5 Mose 7, 14; 5 Mose 7, 
15; 5 Mose 7, 17; 5 Mose 11, 22; 5 Mose 11, 23; 5 Mose 
11, 28; 5 Mose 12, 11; Jerem. 29, 12; Jerem. 29, 13; 
Jerem. 29, 18; Jerem. 31, 5; Jerem. 31, 6; 1 Corinth. 13, 
8; 1 Corinth. 13, 10; 1 Corinth. 14, 11; 1 Corinth. 15, 22; 
1 Corinth. 15, 23; 1 Cor. 15, 24; 1 Cor. 15, 28; 1 Cor. 16, 
12; 1 Cor. 6, 7; 1 Cor. 6, 10; 1 Cor. 6, 13. 

10. Trotzdem aber kann noch nicht so ohne weiteres 
zugegeben werden, dafs unser modernes Futurum aus 
dieser Zusammenstellung von werden mit dem Participium 
Praesentis hervorgegangen sei. Denn sollte sich unser 
Futurum wirklich daraus entwickelt haben, dann harrte 

*) Lies: Seite 109, Zeile 4 von oben. 
**) Lies: Seite 76, Zeile 2 von unten 



— 4 — 

noch eine ziemlich schwierige Frage ihrer Lösung, näm- 
lich die Frage nach dem Schwund des auslautenden d 
des Participiums, da der Wegfall eines solchen d eben 
sonst in der geschichtlichen Entwickelung des Neuhoch- 
deutschen unbekannt ist. 

11. Freilich liefse sich zur Erklärung auch hier wohl 
der Vorgang annehmen, der so tiefgreifende Umgestal- 
tungen in der Sprache hervorgerufen hat, nämlich der 
sog. formale Ausgleich, und man müfste dann sagen, 
werden habe statt des Participiums den Infinitiv zu sich ge- 
nommen nach Analogie der modalen Hülfszeitwörter, d. h. 
man sagte Ich werde kommen statt Ich werde "kommend, 
wie man auch sagte Ich kann, ich soll, ich will kommen, 

12. Aber diese Erklärungsart scheint uns ihr Ge- 
zwungenes zu haben. Denn die ältesten Belege füi* 
werden + Inf. in der Bedeutung des Futurs stammen 
nach Ekdmann bereits aus dem 13. Jahrhundert und 
reichen also fast bis in die Zeit des ersten häufigem Auf- 
tretens von werden + Part hinauf. Wir müfsten also 
dann wohl annehmen, dafs die Ausgleichung mit ihrem 
Einflüsse bereits thätig gewesen sei, als die getrennte 
Bedeutung beider Bestandteile der Umschreibung des 
Futurs noch lebhaft empfunden werden mufste. Und 
das scheint uns mit dem Wesen der Ausgleichung 
nicht wohl vereinbar! 

13. Irren wir nicht, so tritt nämlich erst dann Aus- 
gleich ein, wenn die ursprüngliche Bedeutung der Eigenart 
einer Sprachform wenigstens zum Teil geschwunden ist. 
Das Eindringen des Umlautes in den Plural der o-Stämme 
z. B. beginnt erst mit dem Aufhören des Verständnisses 
für den Grund des Umlautes in den alten i-Stämmen. 
So konnte auch in could das verkehrte l erst ge- 
schrieben werden nach Analogie von would und shouldy 



— 5 — 

als man das l in diesen beiden letztern nich mehr sprach, 
und also der Grund für das Auftreten des l in diesen 
und das Fehlen desselben in jener Form nicht mehr er- 
kannt wurde. Ausgleichung wird also wohl kaum auf 
jungendliche , bedeutungsfrische Sprachformen wirken 
können, und daher möchten wir also auch hier nicht gern 
von Ausgleichung reden. 

14. Da wir es nun aber mit einem allgemeinen 
lautlichen Vorgang auch nicht zu thun haben, so 
werden wir zu der Annahme gedrängt, dafs die seit- 
herige Erklärungsweise unserer Form verkehrt sei. 

15. Annehmbarer scheint uns, was Ebdmann (p. 99) 
meint, indem er zur Erklärung von ich werde + Ir\finitiv 
einfache Anlehnung an ich bin + I}\finitiv annimmt, eine 
Form, von der die Rede sein wird bei der Behandlung 
des Infinitivs als prädikative Ergänzung. Vielleicht 
brauchten wir aber noch nicht einmal diese Anlehnung 
der einen Form an die andere anzunehmen und könnten 
sagen, dafs die Formen von werden + Infinitiv sich eben 
so selbständig im Mittelhochdeutschen entwickelten wie 
die Formen von sein + Infinitiv, die als solche ja fest- 
stehen und sich vereinzelt auch noch bis auf den heutigen 
Tag erhalten haben. 

16. Im nähern möchten wir uns dann die Entstehung 
und Ausbildung der Form auf die folgende Art vorstellen. 

Eine eigentliche Form, die frei von jeder Neben- 
bedeutung das Futurum rein ausgedrückt hätte, war im 
Älhd. nicht vorhanden. In allen Umschreibungen für 
dasselbe empfand man noch zu deutlich den Unterschied 
zwischen dem zu bezeichnenden und dem bezeichneten 
Begriff. Deutlich empfand man, dafs es ungenau war, 
wenn man den Gedanken er wird glänzen mit den Worten 
bezeichnete: 



— 6 — 

Er soll glänzen; er mufs glänzen; 

er will glänzen; er wird glänzend: 

sämtlich Ausdrücke, die zur Bezeichnung des angegebenen 
Gedankens verwandt wurden. Die geringste modale Be- 
deutung und damit auch die geringste Abweichung von 
dem zu Bezeichnenden lag noch in der letzten Form. 
Aber auch sie genügte nicht, da sie nicht den Eintritt 
einer Handlung sondern die Bildung einer (haften- 
den) Eigenschaft andeutete. Dies erhellt leicht durch 
Gegenüberstellungen wie die folgenden: 

er wird reizend: er ivird reizen; 

das ivird entzückend: das wird entzücken; 

er wird wütend: er wird ivüten; 

{he becomes loving: he will love; 

it hecomes soothing: it will sootlie; 

het wordt vervelend: het zal vervelen; 

het wordt verbazend: liet zal verbazen,) 

Man suchte also nach einem andern deutlichem Hülfs- 
mittel zur Bezeichnung der Zukunft und fand es in der 
Zusammenstellung von werden mit dem Infinitiv: eine 
Zusammenstellung, die deutlich von jeder andern unter- 
scliieden war und keine besonders starke nicht-futurale 
Eigenbedeutung hatte. Diese Zusammenstellung mufste 
dann als deutlichste und allein unzweideutige Bezeichnung 
des Futurs immer beliebter werden, die ihrem flektierten 
Teile anfangs noch anhaftende präsentiale Bedeutung 
immer mehr verlieren und allmählich die andern nicht 
unzweideutigen Futur-Umschreibungen verdrängen und 
auf deren Sondergebiet einschränken. Die Form entstand 
im 13ten Jahrb., sie breitete sich aus im 14ten, sie legte 
noch etwa vorhandene präsentiale Bedeutungsschattierungen 
im löten und anfangs des 16ten Jahrh. ab und wird um 



— 7 — 

die Mitte des 16teii Jahrh. zum herrschenden 
reinen Futurum. — 

Dieser Erklärungsweise stehen formelle Schwierig- 
keiten und Bedenken wohl kaum im Wege. 

17. Was den Charakter der Bildung betrifft, so 
müssen wir sie für eine sehr glückliche halten. Sie ist 
der reinste und unzweideutigste Ausdruck für die Zu- 
kunft, der auf germanischem Gebiete geschaffen worden 
ist. Xur schade, dafs die Konsequenz ihrer Durchbildung 
an mehr als an einer Stelle noch zu wünschen übrig läfst! 

II. 

1. Auf dieselbe Art, wie ich werde schreiben hätte sich 
dann auch bilden können das Imperfekt ich ivard schreiben 
mit der Bedeutung eines Imperfecti Futuri, oder richtiger 
wohl umgekehrt eines Futurums des Imperfekts oder — 
wagen wir die Zusammensetzung — eines Futuropraeteriti. 

2. Dafs ein Bedürfnis für diese Form (bewufst oder 
unbewufst, sei dahingestellt) empfunden wird, ist wohl 
unbestreitbar, da man sich zum Ausdruck der Bedeutung 
des Futuropraeteriti gegebenen Falles mit sollte, xüollte, 
hatte zu und Ahnlichem behilft. 

3. Verwandelt sich z. B. die Gegenwart 

Ich schreibe, du liesest und er wird gleich rechnen 

in die Vergangenheit, dann heifst es: 

Ich schrieb, du lasest und er sollie gleich darauf rechnen, 
oder 

er haue zu rechnen, 
oder 

er wollte rechnen, 
oder 

er rechnete gleich darauf. 



— 8 — 

Aber diese sollte, tvoUte u. s. w. sind nur Notbehelfe 
zum Ausdruck des futuralen Verhältnisses der Handlung 
rechnen zu den andern Handlungen schreiben und lesen, 
da sie ihre modale Bedeutung ja noch gar nicht abgelegt 
haben. Wenn ich will rechnen und ich soll rechnen etwas 
anderes enthält als ich werde rechn&n, dann besagen doch 
auch die Praeterita ich wollte und ich sollte etwas anderes 
als das hier nötige Futuropraeteritum. 

4. Ansätze zui' Bildung unserer Form sind denn auch 
wirklich vorhanden. Wir fanden vielfach Beispiele (be- 
sonders bei Luther und Hans Sachs), wovon angeführt seien : 

Apostelgesch. 7, 32: Moses ward wittern (was die 
neueren Herausgeber verändert haben in Moses ward 
witternd; Allioli: gitterte; Reischl: erbebte). 

B. Waldis, Leben Esopi, 184: erfragt: was hanst du 
gutes machen? Sprach: alles; ward Esopu^ lachen, 

B. Waldis, ibid. 109: auch von der zeit an und dar- 
nach tvard sich grosz Weisheit in jm regen, 

H. Sachs (Tittmann) I, p. 121 2: Der pfaff zuhant dem 
diebe wart nachlaufen. 

H. Sachs (Tittmann) I, p. 132 23: Sohn wart diseji pH- 
gram fragen. 

H. Sachs (Tittmann) II, p. 39 22: Da wart ich zu dem 
alten jehen. 

Meenhold: Bernsteinhexe (Reclam) p. 86 i: Wiird er 
fast lieblich aussehen. — 

Viele Belege dieser Form giebt Erdmann selbst aus 
dem Mittelhochdeutschen. 

5. Aber trotzdem ist sie aus der Sprache wieder ge- 
schwunden und mit Recht, da sie nicht den Mangel eines 
Futuropraeteriti ersetzte, sondern wie die Beispiele zeigen, 
nur als Synonym des Imperfecti verwandt wurde (höchstens 
mit nui' sehr geringer Bedeutungsschattierung). 



— 9 — 

6. Ob sich die Form denn etwa noCh bilden liefse, 
nun uns eine klarere Einsicht in die Verhältnisse und 
Bedürfnisse der Sprache geworden ist, nun wir in all- 
gemeinen Zügen ihren Bildungsgang kennen und auch 
imstande sind, das Geleise anzudeuten, in dem sie sich 
in Zukunft bewegen wird? 

Das mögen andere entscheiden. — 

7. Der Konjunktiv der Form er ward schreiben mufs 
natürlich geheifsen haben er würde schreiben. Und wenn 
nun jene Form fast ganz mit dem reinen Imperfekt schrieb 
synonym war, so mufs es diese auch wohl mit dem reinen 
Konjunktiv Imperfecti er schriebe gewesen sein. 

8. Daraus meinen wir denn schliefsen zu dürfen, dafs 
im 1 6 ten Jahrhundert auch gesagt wurde tvenn er schreiben 
tvürde statt des einfachen wenn er schriebe, 

9. Es wäre in der That merkwürdig, wenn man sich 
so nicht ausgedrückt haben sollte. Einen wirklichen 
Beleg fanden wir denn auch (ohne dafs wir der Form 
besonders nachgespürt hätten) in Luther, welcher 1 Cor. 
10, 28 sagt: Wo aber jemand zu euch würde sagen] und 
diese Form ist so wenig auffallend, dafs das treflf liehe 
Buch „Die Briefe des neuen Testamentes im jetzigen 
Deutsch wiedergegeben, Rostock, W. Werther 1888", das 
sich die Aufgabe gestellt hat, Luthers Sprache etwas 
moderner und dadurch leichter verständlich zu machen, 
p. 60 dem angeführten Satze die Form gab: 

Wenn aber jemand zu euch sagen würde. 

(v. Ess übersetzt: Wenn aber jemand zu euch sagte, 
Wuleila: I^ jabai hwas qi]>ai [Bernhardt p. 129 4.]) 

Auch in den Abderitex bot sich uns ungesucht ein 
Beispiel dar: Würde mein Vorschlag angenommen ivorden 
sein, so bin ich gewifs, der Erzpriester hätte uns eine 



— 10 — 

höfliche Antivort gegeben. (Leipzig: Bibliographisches 
Institut. Dritter Band, p. 201 ^9). 

Ferner fanden wir noch, während wir dies aus- 
arbeiteten 

1) SrviPLicissiMus (Niemeyers Neudrucke, 1880)p.234 ^^: 
Wan sie sich nicht noch diesen Abend bequemen würden. 

Die Übertragungen ins Neuhochdeutsche bei Reclam, 
Meyer, Hendel, Spemann haben alle: Wenn sie sich nicht 
noch diesen Abend bequemen tvürden. Andere Beispiele 
aus dem Simplicissimus in Reclams Ausgabe (Universal- 
Bibliothek No. 761—765) p. 117i9, 2OO20, 2012, 20220. 

2) MoscHEROscH, Philcinder (Reclams U.-B. No. 1874 
— 1877) II p. 132 5: 

Wenn ich euch „hochgelehrte Herren" titidiren tvürde, 
so glaube ich, würde es das beste Mittel sein, euch meine 
Ergebenheit zu beweisen. 

Anderes Beispiel lüli. 

3) Beeitinger, Kritische Dichtkunst, 6ter Abschn. 
(Bötticher u. Kinzels „Denkmäler" IV p. 28 2): 

Falls das Wimderbare aller Wahrheit beraidjet sein würde, 
so wäre der gröbeste Lügner der beste Poet. 

4) LESsrs'G, Drauiaturgie, 22tes Stück (Mitte des 
letzten Absatzes): 

Er habe ihr nämlich den Bing zuschicken ivollen, den 
sie ihm zur Zeit der Hidd mit der Versicherung geschenld, 
dafs, wenn er ihr denselben bei einem etwaigen Unglücke 
als ein Zeichen senden ivürde, er sich ihrer völligen Gnade 
wiederum versichert halten sollte. 

10. Ist dem aber so, dann drängt sich uns unwillkür- 
lich die Vermutung auf, die Form Wenn er schreiben 
würde sei gar nicht so jungen Datums, wie wohl all- 
gemein angenommen wird, und könne sich vielleicht aus 
dem IG ten Jahrhundert bis in unsere Tage erhalten haben. 



— 11 — 

11. Das wäre gewifs interessant und jedenfalls mit 
den Entwickelungserscheinungen der Sprache vereinbar, 
Sie wäre dann der letzte faktische Beweis für das alte 
Verhältnis der Formen er sprach und er ward sprechen 
zu einander: der letzte faktische Beweis dafür, dafs ich 
tuerde schreiben in seinen ersten Ansätzen kein Futurum, 
sondern nur ein Praesens war und sein Ifiufste. 

12. Und dann verdiente die Form auch endlich etwas 
grössere Nachsicht bei ihrer Beurteilung. 

13. Wir glauben überhaupt, dafs an der Form schwer 
gesündigt worden ist, ebenso schwer wie an den harm- 
losen Superlativen auf -ischst, dem Dativ -e und 
anderen althergebrachten Steinen des Anstofses, die von 
der Grammatik nur deshalb nicht haben beseitigt werden 
können, weil diese seither .... einfach ignoriert 
worden ist. 

14. Man hat die Form ich würde schreiben zu einem 
besonderen Modus, dem „Konditionalis" promoviert 
(Becker, Götzinger, Wetzel etc. etc.). Mit Unrecht; 
wie an dieser Stelle nicht näher ausgeführt sei. 

15. Und man hat über die Form Wenn er schreiben 
ivürde einstimmig das Anathema ausgesprochen. Auch 
mit Unrecht. 

16. Liegt darin ein Ereignis der Zukunft als an- 
genommener Fall vor, dann halten wir die Form für sehr" 
berechtigt. Wird darin aber ein Ereignis der Gegen- 
w^art nur als angenommener Fall hingestellt, dann möchten 
wir die Form für nicht mehr berechtigt ansehen: wenn 
darin auch nach unserer Meinung noch ein interessantes 
Überbleibsel aus früherem Sprachgebrauch vorhanden 
sein könnte. 



— 12 — 

III. 

1. Der Infinitivus Perfecti dient dann auf gleiche 
Weise zur Bildung des Futuri Exacti. Ich werde schreiben: 
Ich werde geschrieben haben. 

2. Diese Form ist aber gewifs nur nach Analogie des 
ersten einfachen Futurs gebildet und ist ohne Zweifel 
erst recht jugendlichen Alters. Sie erfreut sich nämlich 
auch heute noch nur sehr geringer Beliebtheit und wird 
meistens ersetzt durch das einfache Perfekt. Das Be- 
dürfnis zur Bildung der weitschweifigen Form scheint 
sich uns überhaupt erst künstlich eingestellt zu haben 
bei der Verlegenheit, wie das klassische Futurum Exactum 
genau in das Deutsche übersetzt werden sollte. 

Doch fanden wir noch: Lessing, Dramaturgie^ Aus- 
gabe von Hendel p. 79 ^^: Wenn ich euch beide . . . glücklich 
gemacht haben werde; ferner die Konjunctivformen: Gott- 
sched, Cato, Ausgabe von Reclam p. 16 ^i Der . . . würde 
streitig gemacht haben; Oanitz, Ausgabe J. U. Königs 
vom Jahre 1727 p. XXV ^^: Welcher . . . dergleichen nicht 
beliebet haben tvürde, — 

Erdmais^ spricht nicht davon. 

3. Anders ist es mit dem uneigentlichen Futurum 
Exactum, das zum Ausdruck einer Vermutung dient. 
Dieses ist häufiger im Gebrauch und auch schon ziem- 
lich früh nachweisbar: 

Luther, 2te Könige 3, 23: Eijier ivird den andern ge- 
schlagen haben (Authorised Version: surely . . . they have 
smitten one another. Statenbijbel: . . . voorzeker . . . hebben 
(zij) de een den ander verslagen), 

Tobias und die Schwalbe,*) Ausgabe von Reclam 
p. 103 18: So tuerden wir vielleicht gar unrecht seyn be- 
richtet worden. 



* 



) Sieh in dem S. 76 beginnenden Verzeichnis die No. 106. 



— 13 — 

Asiatische Banise,*) Ausgabe vom Jahre 1738 p. 6? : 
Dafs er unmöglich weite sprünge ivird haben machen 
können. 

Gottsched, Cato, Ausg. von Reclam p. 27 ^r Die . . . 
werden vorgestellet worden segn. 

Derselbe p. SOe: Dafs man . . . werde gedacht haben. 

Lessing, Juden I, 2 (Eeclams Ausgabe in 6 Bänden 
p. 159 1^): Freilich werden sie ihn wohl haben umbringen 
wollen. 



B. 

I. 

1. Der Infinitiv wird im Deutschen auch als Stell- 
vertreter des sonst üblichen Participii Perfecti gebraucht 
zur Bildung der umschriebenen Perfektformen (Perfec- 
tum, Plusquamperfectum, Futurum Exactum): wenn bei 
diesen Perfektformen eines Zeitwortes noch 
irgend ein reiner Infinitiv (d. h. ein Infinitiv ohne 
2'w) steht als eine Art abhängigen Objektes. Also 
z. B. statt 

J^ai pu ecrire = Ich habe gekonnt schreiben 
heifst es im Deutschen 

Ich habe können schreiben, 
oder vielmehr mit der jetzt üblichen Wortstellung, nach 
welcher das Objekt im Hauptsatze zwischen den flektierten 
und unflektierten Teil des Prädikates tritt: (Ich habe den 
Brief geschrieben] ich schreibe den Brief ab; ich werde 
den Brief schreiben): 

Ich habe schreiben können, 

2. Diese Form ist in ihrer Art höchst merkwürdig. 
Sie findet sich aufser im Deutschen nur noch im Nieder- 

*) Sieh in dem S. 76 beginnenden Verzeichnis die No. 7. 



— 14 — 

ländischen: im übrigen Germanischen ist sie unbekannt 
(PoESTiON, Schwedische Orammatik p. 104 § 209; Heck- 
scher, Dänische Orammatik]}. 152, Anmerkung 2; Neueste 
Aufl. p. 162). 

3. Im Niederländischen hat sie selbst noch weit 
gröfseren Umfang angenommen als im Deutschen. Sie 
kommt dort nicht allein vor bei Zeitwörtern, die ihre 
zusammengesetzten Formen mit hebben bilden, sondern 
auch bei zahlreichen Zeitwörtern, die 2:ijn zur Umschrei- 
bung verwenden; bei solchen, die einen reinen Infinitiv 
und bei solchen, die einen Infinitiv mit te regieren: 

Hij is blijven staan, Hij is gaan bedelen. 
Hij heeft dat trachten te doen u. s. w. 

4. Wie erklärt sich nun diese seltsame Form? 

Bei den modalen Hülfszeitwörtern, die, wie weiter 
unten auszuführen, die Eigentümlichkeit sämtlich zeigen, 
lag die Vermutung nahe (Grimm, Lachmann u. s. w.), 
dafs diese scheinbaren Infinitive wirkliche alte Participia 
seien, und zwar, da von einem neuen, starken, aus dem 
Praeteritalstamm abgeleiteten Participium Perfecti nicht 
wohl die Rede sein konnte (: wie weiter unten zu zeigen), 
die der ihnen zu Grunde liegenden alten starken Zeit- 
wörter, deren Praeteritum sie jetzt mit beibehaltener 
Praeteritalflexion als Praesens verwenden. 

5. Darnach hätten wir also in dem können des Satzes 
Ich habe schreiben können das alte regelrechte Participium 
Perfecti Passivi zu erblicken des nur bruchstückweise 
erhaltenen : 

*kinnan, kann, kumiüm, kunnänoz, 
und ähnlich in den übrigen Fällen. 

6. Auf den ersten Blick hat diese Annahme etwas 
unleugbar Bestechliches. Es hätte sich dann von dem 



— 15 — 

sonst nahezu ausgestorbenen Zeitwort ^khDiaii dieses 
Particip noch in alter reiner Form und Verwendung 
als solches erhalten und wäre ein ebenso merk- und 
denkwürdiger Überrest aus alter Zeit wie etwa das 
Thema 4- in Bräutigam, 

7. Versprengte Formen ähnlicher Art kommen ja 
häufiger noch unerkannt isoliert vor, wie z. B. das Ad- 
jektiv gediegen als Particip von gedeihen mit richtigem, 
altem, grammatischem Wechsel; die Formen tritt und 
nimmt mit alter Stammquantität von treten und nehmen; 
Schalk mit seiner alten Bedeutung in den jetzt unver- 
ständlichen Zusammensetzungen Gottschall und Marschall] 
der Dativ Plural des alten i(-Stammes Hand in den 
Formeln zit Händen, vorhanden u. s. w. 

8. Gehen wir der Sache aber etwas näher auf den 
Grund, so müssen wir doch sagen: die Annahme ist 
zwar mögUch, sie ist aber nur dann richtig, wenn es 
sich nachweisen läfst, dafs diese Formen von je her als 
solche in der deutschen Sprache und dann auch ganz 
allgemein im Germanischen vorhanden gewesen sind. Ist 
das nicht der Fall; zeigen sich die Formen erst in ver- 
hältnismäfsig junger Zeit, als das alte Particip schon 
tot war: dann fällt die Annahme hin. 

9. Denn — diesen Satz möchten wir an dieser Stelle 
ganz allgemein aussprechen — eine nicht künstlich 
und willkürlich beeinflufste Sprache greift nie 
wieder auf erloschene Sprachformen zurück! Im 
Neuhochdeutschen wird nie wieder gesagt werden: Die 
Fraue ist schöne, sie hat schone (beautifully) gearbeitet: 
die drei e in Fraue, schöne, schone sind eben so tot, als 
das alte Verhältnis von schöne zu seinem Adverb schone. 

10. Das schliefst natürlich nicht aus, dafs zuweilen 
zufällig Neubildungen entstehen, die ganz das Aussehen 



— 16 — 

wiederaufgelebter Urformen haben, mit denen sie aber, 
abgesehen von der äufseren Erscheinung, auch nicht das 
Geringste mehr gemein haben. Wir erinnern z. B. an 
die Formähnlichkeit zwischen neuhochdeutschem Herzens 
und gotischem hairtins, zwischen neuhochdeutschem 
Samens und lateinischem nominis, neuhochd. Samen und 
lat. semen. Wenn wir diese und die zahlreichen ähnlichen 
Formen mit den ihnen zunächst entsprechenden altern 
vergleichen, aus denen sie hervorgegangen sind, dann 
müssen wir allerdings zugeben, dafs es den Anschein 
hat, als ob die Sprache in jüngster Zeit nicht vorwärts 
sondern rückwärts geschritten wäre. Wir wissen indessen 
heute, dafs dieser scheinbare Rückschritt der Sprache 
nicht die Folge der organischen Weiterentwicklung der 
Sprachformen ist, sondern stets die Folge der äufsern 
Beeinflussung der einen Sprachform durch die andere: 
die Folge der sog. „Ausgleichung", von der vorhin schon 
die Rede gewesen. 

II. Unser Satz behält also seine Gültigkeit. Ja, was 
ihm scheinbar widerspricht, dient nur zu seiner völligen 
Bestätigung. Weisen wir nur auf den sog. „Rückumlaut-' 
der schwachen Verba der jan-Klasse hin. (Kennen, kannte, 
gekannt). 

Was beweist hier der umlautfreie Praeterital- und 
Participialstamm anders, als dafs die Syncope des Um- 
laut erzeugenden j (/) älter ist als der Umlaut selbst, 
also etwa in das Jahr 700 oder 650 fällt, als der i-Um- 
laut in der Sprache noch nicht existierte? Denn hätte 
die Reinheit des Präterital- und Participialstammes dieser 
Zeitwörter vor dem Eintritt der Syncope einmal eine 
Trübung erlitten, dann wäre diese erhalten geblieben 
und nie wieder aufgehoben worden, eben so etwa wie 
heute der alte i-Stamm schön sein stammhaftes o nie 



— 17 — 

wieder erhält, obgleich das Umlaut erzeugende auslautende 
/ nicht mehr vorhanden ist. 

12. Alle Sprachentwicklung ist Fortschritt, niemals 
Rückschritt. Dafs eine erloschene Form von selbst wieder 
zurückkehrt in die Sprache, ist eben so unmöglich, als dafs 
ein verdorrtes, umhergewehtes Blatt wieder zurückkehrt auf 
den Zweig des Baumes, der es abschüttelte, seiner müde. — 

Dafs sich ein Phönix aus seiner Asche erhebt, 
ist ein Gegenstand der Poesie, nicht der Natur- 
wissenschaft. 

13. Hiernach läfst sich denn die Richtigkeit der An- 
sicht GniMiMs leicht prüfen. 

In der älteren Sprache (Gotisch, Althochd., Mittel- 
hochd.) sind Participia starker Form von den Modal- 
hülfszeitwörtern nicht vorhanden. Ja, im Alt- und Mittel- 
hochdeutschen ist von diesen Verben überhaupt kein 
Particip belegbar, weder ein starkes noch ein schwaches. 
Die ersten Formen der Participia dieser "Wörter sind 
schwach und sind nicht älter als das 14 te und löte Jahrh. 
Nach M. Heyne (Deutsches Wörterbuch, 2ter Band, 1892, 
Spalte 891 29) ist dasPart. Fvät gemust (selten gemüst) sogar 
erst im 16ten Jahrhundert nachgewiesen. Daher 
ist denn jede Annahme ausgeschlossen, dafs in unseren 
Formen noch Überreste von Participien alter starker Form 
vorhanden seien: die Ansicht Grimms ist als irr- 
tümlich abgethan. 

14. Dafs die Ansicht gänzlich unhaltbar ist, ergiebt 
sich aber auch noch aus anderen Umständen. 

Angenommen, die zu den Praeteritis Icanrij mufs, 
darf u. s. w. gehörenden alten, starken Participia seien in 
der That vorhanden. Wie sähen die denn aus? Um dies 
zu erkennen, setzen wir die folgenden theoretischen Zeit- 
wörter des TJrgermanischen an: 



— 18 — 

*mätan, möt, *motüm^ "^matänoz^ 

*]>Srpha7i, ]>arph, '^]>urbüm, *]>urMnoz; 

*kinnan, kann, *kunnüm, *kiinnänoz\ 

*meyan, may, *mceyüm, *meyänoz\ 

skUan, skal, *skcelwn, "^skidänoz] 

"^welan, wal, *wcelüm, *wulänoz. 
Hätten sich nun die alten Participien in regelrechter 
Entwickelung erhalten, dann müfsten sie jedenfalls im 
Mhd. heifsen: "^mazzen, *dorben, *kunnen, '^megen, *scholen 
= "^solen, *wolen, und im Nhd. hätten wir dafür zu er- 
warten: '^müssen, *dorben, *konnen, *megen -= mögen, *solen 
«= sollen, *wolen « ivollen. 

Es entsteht dann also die Frage, wie sind aus den 
zu erwartenden Formen *massen, *dorben, ^können, die 
wirklichen müssen, dürfen, können entstanden? Mögen, 
soUm, wollen sind noch auf lautgeschichtlichem Wege aus 
megen, solen, wolen herleitbar; aber wie die drei anderen? 
Zwar hat man hierauf eine Antwort versucht. Man 
hat gesagt, zwischen den alten Participien und den neuen 
Infinitiven der modalen Htilfszeitwörter hat Ausgleich 
stattgefunden und zwar so, dafs stets der Vokal des In- 
finitivs auch Vokal des Particips wurde. Diese Antwort 
ist aber Unsinn. Zwischen einem Participium Praeteriti 
und einem Infinitiv ist seither noch nie ein Ausgleich 
erwiesen worden, und, sagen wir geradezu, auch uner- 
weisbar. Ein solcher Ausgleich ist eben so undenkbar . . . 
es wäre ein „stofflicher" . . . wie ein Ausgleich zwischen 
dem Praeteritum und Praesens irgend eines starken Zeit- 
wortes zur Herstellung einer vokalischen Einheit. Eine 
lautliche Annäherung eines Particips an den Infinitiv 
ist seither unerhört ; wohl ist das Umgekehrte dagewesen, 
eine lautliche Entfernung: scheiden, schied, geschieden 
statt gescheiden. 



— 19 — 

Nehmen wir in den vorliegenden Formen starke Par- 
ticipia an, so stehen wir also vor einem noch ungelösten, 
lautlichen Problem. 

15. Hierzu gesellt sich noch eine Schwierigkeit in 
Bezug auf die Bedeutung. 

"Wären nämlich die starken Participia *massen, *dorben, 
'^können u. s. w. erhalten geblieben, dann wären sie doch 
noch inuner Participia zu den dem Praeterito-Praesens 
zu Grunde liegenden alten ursprünglichen Zeitwörtern 
*maten, *]>erphan, "^kimian etc. nicht zu den neuen In- 
finitiven, Mhd. *müe2e7i, "^dürferi, "^kunnen etc. 

Sie hätten also auch die Bedeutung der Participia 
der ersteren: nicht die der letzteren. Und dafs das 
einen gewaltigen Unterschied macht, wird deutlich aus 
einem Beispiel der heutigen Sprache. 

Angenommen, uns fehlte die Bezeichnung für den 
Begriff haben; vorhanden wäre indessen das Zeitwort 
erwerben. Dann sieht jeder ein, dafs man den Satz fai 
un livre annähernd richtig ausdrücken könnte mit dem 
Satz *IcJi erwarb ein Bicch: denn was ich jetzt besitze, 
ist doch gleichbedeutend mit demjenigen, was ich er- 
worben habe. Der fortwährende Gebrauch dieses Prae- 
teriti als Stellvertreter eines Praesens läfst dann endlich 
die praeteritale Bedeutung mehr und mehr erblassen, 
man fühlt und versteht in dem Praeteritum nur ein 
Praesens und man sagt dann: 

fai heifst auf Deutsch *Ich erwarb. 
Dann bildet das Sprachgefühl zu diesem „Praeterito- 
praesens" auch ein Imperfekt und schlief slich auch In- 
finitiv und Particip; alles aber selbstredend schwacher 
Form: 

Hch erwarbte; Inf. *e7'warben; Part, '^erwarbt 



Folglich: eu = "^erivarbt 



2* 



— 20 — 

Wäre nun von erwerben das Participium erworben 
noch vorhanden, so wäre dieses doch nicht = ew = *er- 
warbt Wer das behauptet, erklärt nicht mehr 
und nicht weniger, als dafs die Begriffe gehabt 
und erworben sich d ecken. Der alte temporale Unter- 
schied zwischen dem Praesens und Praeteritum des Pri- 
mitivums bleibt in den Participien des Primitivums und 
des Praeterito-Praesens erhalten: 

"^massen: gemufst «=» Praesens: Praeteritum. 
„ „ = erworben: gehabt {^erwarbt). 

Das einzige wissen macht scheinbar eine Ausnahme. 
Von diesem ist nämlich das starke Participium da. 
Dies wird aber nur als Adjektiv nicht als Particip zu 
ich weifs gebraucht: was dem vorhin Ausgeführten denn 
auch also nicht mäer- sondern entspricht. 

Nebelungek (Ausg. A. Holtzmanns), 

Strophe 1487: 
Nu ist in doch geivizzen =- Nun ist euch doch bekannt* 

Strophe 1455:1 

Daz ist mir ungewizzen = Das ist mir unbekannt 

Aber Strophe 1780: 

Het ich gewist = Hätte ich gewufst. 

"Wie diese Schwierigkeit in der Erklärung des Be- 
deutungswechsels der alten Participien mm zu lösen 
wäre, ist uns auch unerfindlich. Man scheint diese 
Schwierigkeit seither aber gar nicht gemerkt zu haben. Ein 
Versuch zur Lösung derselben ist wenigstens, so viel wir 
wissen, noch nicht gemacht worden. 

16. Wäre es denn nicht möglich, dafs man die Formen 
müssen, dürfen, können etc. auffafste als neue starke 
Participia zu den neuen Infinitiven müssen, dürfen etc.? 

Nein, auch diese Annahme entbehrt jeder Begründung. 
Die Fähigkeit zur Bildung neuer starker Participia hat 



— 21 — 

in den historisch belegten Sprachen und Mundarten auf- 
gehört. "Was dieselben noch an starken Formen auf- 
weisen, ist Erbgut aus alter Zeit und nimmt nicht zu, 
sondern langsam aber beständig ab. Dafs sich also im 
14ten, oder löten Jahrh. neue starke Participia ge- 
bildet haben sollten, die mit den uralten Participien 
nichts mehr zu thun hätten, ist undenkbar. Es wäre doch 
auch geradezu absurd, dafs die Sprache zu einem 
schwachen Praeteritum ein neues starkes Participium 
bilden sollte. Bei welchem andern schwachen Zeitwort 
ist je etwas Ahnliches vorgekommen? 

Diese Annahme ist also auch unhaltbar. 
17. Man hat aber noch einen andern Ausweg versucht, 
um die Particip-Hypothese zu retten. 

Man hat gesagt: Die in Rede stehende Sprachform 
begann zuerst bei den starken Zeitwörtern sehen, heifsen, 
lassen, deren Participium Praeteriti ursprünglich augment- 
los war (noch Abraham a Sa^s^cta Claba bildet die 
Participia durchgängig augmentlos) und also mit dem 
Infinitiv gleichlautete. Bei diesen Zeitwörtern konnte es 
also nicht anders heifsen als: 

Ich habe arbeiten sehen; 
Ich habe arbeiten lassen; 
Ich habe arbeiten heifsen: 
und in diesen Satzformen sind sehen, lassen, heifsen in 
der That regelrechte Participia und keine Infinitive. 
Diese Formen machten dann das Sprachgefühl unsicher. 
Es wurden die Participia sehe^i, lassen, heifsen bald nui* 
als Infinitive empfunden und nun entstanden auch aus 
den Sätzen Ich habe arbeiten könnt, dürft, mufst die analog 
gebildeten Formen Ich habe arbeiten können, dürfen, 
müssen etc. und im Anschlufs hieran selbst Ich habe ar- 
beiten hören, lernen, lehren, helfen u. s. w. 



— 22 — 

Man mufs gestehen, dafs in dieser Darstellung die 
Participhypotliese recht einleuchtend aussieht und einen 
überzeugenden Eindruck macht. 

Beschäftigen wir uns aber etwas eingehender damit, 
so werden wir sofort erkennen, dafs sie auch in dieser 
Fassung ihre sehr bedenklichen Seiten hat. 

Also die Formen Ich habe heifsen. Ich habe fassen, 
Ich habe sehen haben selbst das Sprachgefühl ins 
Schwanken gebracht, haben selbst die Einsicht in das 
Wesen dieser Formen getrübt und Perfektformen aus 
haben + Infinitiv statt aus haben + Particip entstehen 
lassen. Ist dem aber so, dann wäre es doch die natür- 
lichste Folge gewesen, dafs die Sprache wenigstens bei 
der Mehrzahl der Verben, deren augmentloses Particip 
ebenfalls mit dem Infinitiv äufserlich übereinstimmt (dahin 
gehören 20 ^/o aller starken Verba,) das Augment im 
Gegensatz zu den übrigen nicht ansetzte, dafs man also 
später gesagt hätte: 

Ich habe geben, treten, messen, lesen, graben, tragen, 
fahren, blasen, laufen, rufen etc. etc. und schliefslich auch 
(diese Formen waren dem Sprachgefühl ja Infinitive) 
Ich habe singen. Ich hohe biegen. Ich habe helfen. Ich habe 
holen, arbeiten u. s. w. 

Von allen diesen Formen, die sich von selbst ergeben 
hätten, hat sich aber nichts gebildet. Die Sprache hat 
jederzeit das Participium von dem Infinitiv deutlich 
unterschieden und dem Participium schliefslich noch zur 
weiteren Unterscheidung das Augment gegeben, selbst 
fehlerlos in den Fällen, wo Infinitiv und augmentloses 
Particip gänzlich übereinstimmten: ein Beweis, dafs das 
augmentlose Particip selbst das Sprachgefühl niemals 
geschwächt hat. 



— 23 — 

Ist die Form heifsen in dem Satz Ich habe arbeiten 
heißen nicht imstande gewesen die Form Ich habe^singen 
statt gesungen^ oder die noch leichtere Ich hdbe^treten 
statt getreten zu erzeugen: dann war sie erst recht zu 
schwach, die ungleich ferner liegende Form Ich hohe 
arbeiten können statt Ich habe arbeiten (ge)konnf ins Leben 
zu rufen. 

Hierzu kommt noch der gewichtige Umstand, dafs bei 
heifsen, lassen, sehen die Infinitivform als Ersatzform des 
Particips bedeutend weniger fest ist, als bei den modalen 
Hülfszeitwörtern, die die Infinitivform erst nach Analogie 
jener entwickelt haben sollen. — 

Doch noch mehr spricht gegen die erwähnte Fassung 
der Participhypothese. 

Es ist nämlich rein unmöglich, dafs die modalen 
Hülfszeitwörter die Infinitivform als Ersatzform des Par- 
ticips nur nach Analogie der starken Verba heifsen, lassen, 
sehen entwickelt haben. Denn dieser Vorgang würde ein 
unerhörtes Wunder darstellen. Er bedeutete eben nichts 
weiter, als dafs das Schwächere über das Stärkere den 
Sieg davon getragen hätte; und ist das schon dagewesen? 

Gewifs kann die Minderheit die Mehrheit besiegen; 
aber wann? Wenn die Minderheit Bundesgenossen hat: 
in geistiger oder seelischer Überlegenheit und in un- 
berechenbaren äufseren Umständen. Dies ist ein un- 
wandelbares Gesetz: Die Minderheit unterliegt stets. 
Wo sie nicht unterlegen ist, war sie nur scheinbar die 
Minderheit, vielleicht numerisch, aber nicht absolut. 
(Friedkich hatte bei Leuthen und Rofsbach die Mehrheit 
entschieden auf seiner Seite; wo er sie nicht hatte, 
unterlag er so gut wie jeder andere Sterbliche.) Wenn 
also Ich habe arbeiten können Analogiebildung wäre zu 
Ich habe arbeiten sehen, dann müfsten Sätze dieser Art 



— 24 — 

das numerische Übergewicht haben oder gehabt haben 
über Sätze jener Art; oder, wenn das nicht der Fall 
wäre, so müfsten sie irgend ein besonderes Merkmal in 
sich tragen, das ihnen das sonst nicht vorhandene Über- 
gewicht über Sätze jener Art verliehe. Und was läfst 
sich hiervon mit Wahrscheinlichkeit wohl annehmen? 
Was läfst sich davon beweisen? 

18. Damit glauben wir der Participhypothese denn 
auch die letzte Stütze entrissen zu haben und geben sie 
endgültig auf. 

19. Wir folgen damit auch nur einem Vorbilde, das uns 
von namhafter Seite in jüngster Zeit gegeben worden ist. 

Ebdmanx sieht in der Bildung unserer Form die 
Wirkung einer Art Assimilation, worüber unten mehr. 
WiLMANNS, der in der zweiten Auflage seiner Schul- 
grammat'ik unsere Formen für Participia erklärt hatte, 
beobachtet über die Natur derselben von der dritten 
Auflage an ein sehr beredtes Schweigen und endlich 
sagt M. Heyne in seinem Wörterhucliy 2terBand, 
1892; Spalte 6 is ausdrücklich: 

In Verbindung mit den Hülfsverhen können, mögen u. 
s. w, steht statt des Part, der letzteren ein Infinitiv ^ wenn 
ein anderer solcher vorausgeht oder folgt 

Dabei wird es denn ^vohl endgültig sein Be- 
w^enden haben müssen. 

20. Es bleibt uns somit wohl nichts anderes zur 
Erklärung übrig, als in diesen Formen einen Vorgang 
anzunehmen, der auch anderwärts in der Sprache vor- 
kommt und den wir syntaktischen Ausgleich nennen 
möchten: Stehen zwei Wortformen im Satze un- 
mittelbar neben einander und drängen sie sich 
in dieser Zusammenstellung dem Sprachgefühl 
mehr oder weniger als eine inhaltliche Einheit 



— 25 — 

auf, so ist man bestrebt, ihre Formen einander 
zu nähern und dadurch Formunterschiede zu 
verwischen: die eine Form wird der andern an- 
geglichen. So heifst es jetzt z. B. fast allgemein Ich 
trinlxe einen Becher alten Wein; Ich häufe eine Elle gute 
Seide: Der alte Genitivus Quantitatis hat sich in eine 
Apposition umgesetzt. 

21. Man hat zur Erklärung unserer Form aber auch 
von Attraction gesprochen. Ist denn das dasselbe? Wir 
glauben kaum. Was denkt man sich denn unter „At- 
traction" ? 

„Attraction" heifst Anziehung. Also mufs man sich 
vorstellen, dafs hier die eine Form die andere angezogen 
oder herbeigezogen habe. Etwas kann aber doch nur 
herbeigezogen werden, das entfernt ist. Wenn ich z. B. 
sage: Der Magnet zieht ein Eisenstückchen an, 
so heifst das doch: Die örtliche Entfernung des 
einen von dem andern wird durch die magne- 
tische Kraft aufgehoben. Die Folge der magne- 
tischen Anziehung ist also eine Ortsveränderung; aber 
auch eine Form- und Wesens Veränderung? Hängt 
mit der Aufhebung der örtlichen Entfernung auch eine 
Wesensumgestaltung zusammen, wie wenn z. B. in der 
Chemie zwei Körper auf einander wirken, dann spricht 
man nicht mehr von blofser Attraction. Folglich 
möchten wir sagen: Formwandlung ist niemals die Folge 
blofser Attraction. Und da wir es hier also durchaus 
nicht mit Ortsveränderung, wohl aber mit Formwandlung 
zu thun haben, so ist das Wort „Attraction" für die in 
Rede stehende Erscheinung verfehlt. 

Oder sollte man sich vielleicht vorzustellen haben, 
dafs hier der Formunterschied zwischen Infinitiv und 
Particip metaphorisch als Ferne aufzufassen sei? 



— 26 — 

Wenn ja, dann hat hier „Attraction" also jedenfalls 
nicht seine gewöhnliche, ihm ureigene Bedeutung, was 
doch auch wohl hinreichen wüi*de, es hier als Terminus 
Technicus zu verwerfen. 

Man wende nicht ein, dafs der Ausdruck „Attraction" 
in der griechischen Grammatik doch üblich sei und zwar 
auch zur Bezeichnung eines Formwandels; denn hier 
halten wir ihn ebenfalls für nur wenig geeignet. 

22. Anders wäre es mit dem Ausdruck „Assimilation", 
der in jüngster Zeit versucht worden ist. Wenn man 
von „Wortangleichung" sprechen wollte, so liefse sich 
dagegen wohl nicht so viel einwenden. „Ortliche Nähe" 
zweier Wort- oder Satzelemente", liefse sich dann wohl 
sagen, „erzeugt Formenannäherung (Mhd. sande^ nande) 
und Formenangleichung (sterro, stimma, hisht [16tes 
und 17tes Jahrb.] midst ausgespr. mitst [neuengl.]), und so 
auch hier. 

Doch auch „Assimilation" dünkt uns noch nicht über 
jederlei Beanstandung erhaben. Denn die Assimilation 
scheint uns ein rein mechanischer Vorgang zu sein, und 
in unserem Falle haben wir es doch auch mit einem 
unschwer erkennbaren geistigen Element zu thun. Er- 
klären Avir uns. 

Der Grund der Assimilation ist örtliche Nähe, der 
Zweck: Hebung einer mehr oder weniger deutlich em- 
pfundenen mechanischen Schwierigkeit. In hastu statt 
hast dti, (die im 16ten und 17ten Jahrh. übliche Schreib- 
Aveise und die heute noch übliche Aussprache) ist das d 
an das f assimiliert worden: 1) weil das f unmittelbar 
voranging, 2) damit die Schwierigkeit der Aussprache 
f + d vermieden werde. — In dem Satze IJr hat lonnt 
schreiben ist aber die Wandlung des (ge)lconnt in können 
geschehen, weil: 1) schreiben in der Nähe stand; 2) das 



— 27 — 

(ge)konni durch die Nähe des Infinitivs irrtümlicherweise 
selbst als Infinitiv aiifgefafst wurde; 3) damit — vacat. 

Was unter die Assimilation fällt, ist demnach von 
unseren Sprachformen unterschieden nicht allein in An- 
sehung der Hauptursache, sondern auch in Ansehung 
des Zwecks; und wenn dem so ist, dann thun wir besser, 
den Ausdruck hier zu vermeiden: Nur congruente 
Begriffe seien durch congruente Termini be- 
zeichnet. 

23. Wir bleiben also bei dem eben gebrauchten 
Ausdruck und sprechen in den in Rede stehenden Fällen 
von einer Art Ausgleichung auf syntaktischem 
Gebiete. 

24. Denn Avie bei der eigentlichen Ausgleichung 
handelt es sich doch hier um die Herstellung einer 
Formeinheit ZAvischen Wörtern, die man als eine Inhalts- 
einheit empfindet. Ich fand ist ein Imperfekt eben so 
wie iiir funden\ der Grund für den Formunterschied 
wird nicht mehr gefühlt, folglich wird er aufgegeben: 
stofflicher Ausgleich. Ich houc ist ein Imperfekt zu einem 
Infinitiv mit stammhaftem /o, eben so wie ich höt; dafs 
6 nur vor der folgenden Dentalis und altem h stehen 
kann, wird nicht mehr verstanden, folglich müssen beide 
Imperfecta mit demselben Ablaut gebildet werden: for- 
maler Altsgleich. — In Ich trinke einen Becher alten 
Weines wird der Genitivus Quantitatis unter der Rektion 
von Becher nicht mehr begriffen ; man denkt, das eigent- 
liche Objekt des Trinkens sei Wein, also ist dann sowohl 
Becher als auch Wein Objekt zu trinken, folglich Formen- 
gleichheit: beide werden Accusativ: syntaktischer Ausgleich, 
und zwRr formaler. 

25. Und so sagen wir denn auch liier: In dem Satze 
Ich hale lesen gemufst ist dem Sprachgefühl das Wesen 



i' 



— 28 — 

des Unterschiedes der Form zum Ausdrucke des Unter- 
schiedes der syntaktischen Bedeutung irgend einmal aus 
irgend einem Grunde abhanden gekommen, imd es be- 
strebte sich diesen Unterschied zu verwischen: syntak- 
tischer Ausgleich und zwar ebenfalls /ormafer. 

26. In dieser Art aufgefafst, steht unsere rätselhafte 
Form also gar nicht allein da in der deutschen Gramma- 
tik, sondern ist vielmehr nur ein Glied in einer ganzen 
Kette ähnlicher Bildungen auf sprachlichem Gebiete. 
Ja, noch mehr. Sie berührt sich alsdann noch mit 
mancher andern Erscheinung in der deutschen Syntax 
und findet dadurch auch eine weitere Bestätigung. 

27. Wir glauben nämlich etwas durchaus Ahnliches 
zu finden in den Fällen, wo z. B. ein Zeitwort seine 
Rektion ändert. 

Betrachten wir einmal erwähnen. Wenn dieses Zeit- 
wort den Genitiv regiert und man hat dann Sätze fol- 
gender Form nebeneinander: 

Ich erwähne guter Kinder (Geniti\'us) ; 

Ich erwähne alles 

Ich erwähne nichts 

Ich ertvähne gutes 

Ich erwähne dieses 
und die Sätze der letzteren Art lassen durch den Stand 
der Entwicklung der Si)rache zu irgend einer Zeit die 
Genitive der Form nach auch als Accusative empfinden, 
dann tritt zunächst ein Schwanken zwischen Genitiv und 
Accusativ ein (wie es heute bei der Rektion von envähnen 
thatsächlich vorhanden ist) und schliefslich wird der 
Kasus, der in den selteneren Fällen als solcher deutlich 
zum Ausdruck kommt (hier also der Genitiv) ausgeschie- 
den: das Zeitwort hat seine Rektion geändert: stofflicher 
Ausgleich. 



29 — 



28. Ebenfalls syntaktischen Ausgleich, aber dieses 

Mal formalen hätten wir, wenn z. B. das Zeitwort ver- 

.7 TU- Tri 1 TT i_ -A.CC. personae 

sichern aus der kleinen Klasse der Verba + >>, - —^ 

Gen. rei 

in die grofse Klasse der Verba + -i — — — übertritt. 

^ Acc. rei 

29. Nicht unähnlich ist ferner der Fall, wo eine Wort- 
form ihre syntaktische Bedeutung ändert. Ist z. B. das 
Fürwort es Accusativ in den Sätzen Ich sehe es; Ich thue 
es; Ich nehme es etc.; dagegen Genitiv in dem Satze Ich 
erwähne es: dann wird gar bald das Sprachgefühl in 
Bezug auf den Charakter der Wortform irre und legt ihr 
überall nur eine syntaktische Bedeutung bei und zwar 
diejenige, welche in den meisten Fällen auf unzweifelhafte 
Art hervortritt. Es hat aufgehört Genitiv zu sein: 
Herrscht bei Gleichheit der Form Verschieden- 
heit der syntaktischen Bedeutung, so wird nach 
einigem Schwanken diese Verschiedenheit auf- 
gehoben: syntaktische Ausgleichung und zwar Beäeu- 
tungsausgleichung, 

30. Ist das Gesagte nicht unrichtig, dann könnten 
wir alle Fälle der Ausgleichung auch Avie folgt zusammen- 
stellen und in eine Art System bringen: 

Ausgleich. 



Etymologischer Ausgleich 



Wortstammausjl. 

Ich fand : 
wir fanden. 



Wortklassenausgl. 

Ich bot, ich zog\ 
Ich bog. 



Syntaktischer Ausgleich 



Formausgleich Bedeutungsausgl. 

a) 1. Ich hcibe Ich sehe es: 
schreiben müssen. Ich ericähne es 

2. Ich trinke (Acc!) 
eineFlasche Wein. 
ß) Ich versichere 

dir das. 
Y) Ich erwähne 

die Kinder. 



— 30 — 

31. Bei der eigentlichen Ausgleichung sind aber 
immer zwei Formen möglich, z. B. statt dafs es heifst 
wir fanden zu Gunsten von ich fand, hätte sich auch 
bilden können ich f und zu Gunsten von wir ftmden; statt 
ich bog zu Gunsten von ich bot, auch umgekehrt ich baut 
zu Gunsten von ich bouc. 

Ist denn nun auch eine solche zweite Form bei dem 
in Rede stehenden Falle denkbar? Ist es denn nach 
dem gewöhnlichen Gang der geschichtlichen Entwickelung 
der Sprache auch möglich anzunehmen, dafs sich unter 
irgend welchen Einflüssen der abhängige Infinitiv an das 
Particip des regierenden Perfekts anschlofs und auch 
auf serlich zum Particip wurde? 

Wir glauben dies entschieden bejahen zu müssen. 
Die theoretische Möglichkeit für die etwaige Form 

*jEV hat {ge)schrieben {ge)mufst 
müssen wir unbedingt einräumen, besonders wenn mr in 
Betracht ziehen, dafs nach der älteren Sprache, in einem 
Satze wie 

Er hat lassen lesen 

beide Teile ebenso sehr den Eindruck eigentlicher Par- 
ticipia als eigentlicher Infinitive machen mufsten. 

Wir sind selbst in der Lage einen Beleg für 
diese überaus merkwürdige umgekehrte Aus- 
gleichung beizubringen: IMelchioe Meye sagt in 
seinen Erzählungen aus dem Ries, Band III, Seite 425: 

Eir ivollt Euch schadlos halten für den Kuppelpelz, 
um den ich Euch helfen gebracht habe. 

Bringen, das reiner Infinitiv hätte sein müssen, ist 
irrtümlicher Weise in das Particip verwandelt, während 
sonst umgekehrt das Particip in den Infinitiv verwandelt 
worden ist. 



— 31 — 

32. Freilich können wir die Frage, warum nun aber 
beide Teile als Infinitive und nicht anders behandelt 
worden sind, nicht näher beantworten; aber auch nicht 
weniger als die analoge Frage, warum sich nun grade 
im Deutschen die Form ich fand als die stärkere erweisen 
mufste und nicht wir funden, da doch im Englischen 
und Niederländischen der Plural bestimmend wurde 
(: Ifound; ik vond), da doch ferner in anderen Formen 
gerade der Plural den Sieg davon trug (: ich ritt^ ich 
hlieb, ich schund, ich wurde). — 

33. So wäre unsere Form denn also in der That die 
Frucht eines Mifsverständnisses? Unser Sprachgefühl 
hätte irgend einmal so schwach sein können, dafs es den 
syntaktischen Unterschied der zwei Formen (Iwnnen und 
lesen) in dem Satze Ich habe lesen könneji nicht mehr zu 

unterscheiden vermochte? 

.* 

Ganz entschieden. Und Ähnliches kommt im Sprach- 
leben fortwährend vor. 

34. Wir brauchen nur an den handgreiflichen Fehler 
zu erinnern, der keinem harmlos Sprechenden zum Be- 
wufstsein kommt, wenn er sagt Es gereicht mir zur he- 
sondern Freude, ihn haben hegrüfsen zu dürfen^ und der 
sich ebenso gewifs einbürgern dürfte wie die Formen 
Ich habe lesen können u. s. w., wenn die Grammatik es 
nicht verhütet. 

Ferner führen eine sehr beredte Sprache die Wort- 
und Satzformen, die heute Bürgerrecht erhalten haben, 
aber auch eigentlich unehrlicher Herkunft sind: blechern , 
holzern j ihönern; während des; c'est moi (= es ist mich); 
my mother's book (= Mutters Buch)] moi, je Vai fait (= 
mich habe es gethan) etc. etc. 

35. Dafs ims das Erkennen von Fehlern überhaupt 



— 32 — 

oft sehr grofse Mühe verursacht, beweist das folgende 
Beispiel. 
Man sagt 

Er will 5 einmal gerade sein lassen*) 
in der Bedeutung 

Er will einmal annehmen, 5 sei gerade. 

"Wünscht man nun zu sagen 

Er will einmal annehmen, sie habe ihr Ziel jetzt erreicht 

und wendet darauf den Ausdruck mit will — lassen an, 
dann ist man geneigt, sich auszudrücken wie folgt: 

Er will sie jetzt einmal ihr Ziel haben erreichen lassen 

und ist sich gar nicht bewufst, dafs man einen groben 
Fehler gemacht hat, ja eigentlich etwas anderes gesagt 
hat, als man meint. 

In Wirklichkeit mufs der Satz nämlich lauten 

Er will sie jetzt einmal ihr Ziel erreicht haben lassen 

und der andere Satz bedeutet eigentlich so viel als 

Er behauptet, er habe sie jetzt einmal ihr Ziel 

erreichen lassen 
nach dem Vorbild: 

Er will in der Stadt geivesen sein = 

Er behauptet, er sei in der Stadt gewesen. 

Wie der fehlerhafte Satz entstanden ist? Einfach 
durch eine Verwechselung mit Sätzen ähnlicher, aber doch 
verschiedener Art. Aus dem Satze 

Er will das Buch fallen gelassen haben 

entsteht ganz richtig, wie weiter unten noch auszuführen, 

Er will das Buch haben fällen lassen. 



*) Ich . . . lief 8 fünfe — gerade sein, Dr. Märzroth: Lachende 
Geschichten (2tes Bändchen), Reclam, U.-B. No. 1304, p. 55,5. 



— 33 — 

Und ganz ebenso leitet man dann aus dem Satze 
Er ivill sie ihr Ziel erreicht haben lassen 
den fehlerhaften Satz ab: 

Er will sie ihr Ziel haben erreichen lassen: 
gar nicht fühlend und bedenkend, dafs hier die 
Umgestaltung unmöglich ist, ja dafs durch die 
Umgestaltung der Satz eine neue ihm ganz 
fremde Bedeutung erhält. 

36. Es ist überhaupt nichts schwieriger, als sich genaue 
Rechenschaft zu geben über das, was man sagt und sich 
zum Bewufstsein zu bringen, dafs und wie zwischen 
Inhalt und Form des Gesagten Übereinstimmung herrscht. 
Wäre das nicht der Fall, dann wäre ja auch der Unter- 
richt in der Muttersprache der leichteste, den es giebt, 
während er in Wirklichkeit der schwierigste ist. 

37. Die Gesamtgeschichte unserer Form stellen wir 
uns nun schliefslich vor wie folgt: 

a) Bis in das 14te, löte Jahrhundert waren Sätze 
der Form Er hat thun sollen nicht vorhanden, denn das 
Particip der Modalhülfszeitwörter war noch nicht gebildet. 
Man gebrauchte statt dessen Sätze der Form Er soll 
gethan haben, indem man die Perfektbedeutung aus dem 
Regens in den Infinitivus Obliquus verlegte. Von dieser 
Ausdrucksweise giebt es noch einige Reste, besonders in 
der Mundart. Man vergleiche das englische He ought 
to have done it = Er hätte das thun sollen, 

b) Im 14ten und löten Jahrhundert wurden zu den 
modalen Hülfszeitwörtern schwache, bis dahin nicht vor- 
handene Participia gebildet, und diese konnten denn nun 
auch verwandt werden zu Sätzen der Form Er hat 
(ge)sollt thun, 

c) Das Zusammentreffen des Particips und Infinitivs 
in diesen Satzformen mufs aber damals dem Sprachgefühl 

3 



— 34 - 

etwas Ungewohntes gewesen sein. Thatsache ist, dafs 
nicht so lange nach dem Auftreten der neuen Satzformen, 
im 16ten Jahi^hundert, ein Schwanken entsteht und dafs 
eine fehlerhafte Satzform auftaucht, in der die beiden 
nicht flektierten Prädikatsteile dieselbe Form, nämlich 
die des Infinitivs angenommen haben* Also kennt das 
IGte Jahrhundert die beiden Formen Er hat sollen thun 
imd Er hat (ge)sollt thun. Daneben ist auch noch die 
andere älteste Form ziemlich üblich. 

d) Aus nicht mehr erkennbaren Gründen wird die 
fehlerhafte Form dann immer beliebter. Sie ist im 
17ten Jahrhundert und von da an bis heute das allein 
Gewöhnliche und damit das allein Richtige. 

e) Sollte das Volk sich heute nun des alten Fehlers 
wieder entledigen wollen, so könnte dem also wohl kaum 
ein theoretisches Bedenken entgegengesetzt werden. Das 
wäre dann allerdings eine Revolution auf sprachlichem 
Gebiete, aber ohne Zweifel ebenso berechtigt, wie die 
heute betriebene gewaltsame Entfernung fremder Be- 
standteile aus der Sprache. Rückeet scheint uns so etwas 
schon angestrebt zu haben. Das überaus häufige Auf- 
treten der Satzform Er hat thun gesollt bei ihm ist 
wenigstens entschieden mehr, als ein blofses Spiel des 
Zufalls. Nachfolger in diesem Streben scheint er übrigens 
nicht gehabt zu haben. 



II. 



1. Geben wir nun die näheren Bestimmungen über 
die in Rede stehende Sprachform. 

2. Regiert ein Zeitwort einen reinen Infinitiv, so er- 
setzt es in seinen aktiven Perfektformen bei der gewöhn- 



— 35 — 

liehen erzählenden Wortfolge das sonst übliche Participium 
stets durch den Infinitiv: allerdings mit vereinzelten 
Schwankungen (worüber unten.) 

Man sagt z. B. mit reinem Infinitiv 

Ich will gehen, 
und nun heifst es also im Perfekt statt 

Ich habe gewollt gehen: 
Ich habe wollen gehen, 
und mit der heute üblichen Wortstellung 

Ich habe gehen wollen. 

b) Ebenso heifst das Plusquamperfektum: 

Ich hatte gehen ^vollen, 

c) Im Futurum Exj^ctum zeigt sich jedoch noch eine 
beachtenswerte Eigentümlichkeit. 

Heifst es zunächst: 

Ich werde das gewollt haben, 
so würde die regelrechte Form sein 

*Ich werde gehen gewollt haben 
und dann nach der gegebenen Regel 

*/c/i werde gehen wollen habest. 
Diese Form aber ist unmöglich, denn das verkleidete 
Particip wollen duldet merkwürdiger Weise kein Hülfs- 
verb hinter sich. Die wirkliche Form ist demnach: 

Ich werde haben gehen wollen. 
So heifst es bei Lessing, Juden I, 2 (nach Reclams Aus- 
gabe in 6 Bänden, erster Band, p. 195 i^): 

Freilich werden sie ihn haben umbringen wollen, 

3. Das durch einen Infinitiv vertretene Particip, (in den 

angeführten Beispielen wollen,) nennen wir im Folgenden 

„Participersatz" 

oder schlechtweg „Ersatz" (Plural: Ersätze), mit den 

Weiterbildungen „ersatzlos", „ersatzhaft". 

3* 



— 36 — 

4. Hat der regierte Infinitiv, in den angeführten Bei- 
spielen gehen, umbringen, noch nähere Bestimmungen bei 
sich (Objekte, Adverbialia), so treten diese unmittelbar 
hinter den ersten, flektierten Teil des Prädikates, das 
„Verbum finitum": 

Er wird heute mit meinem Bruder in die Stadt 
haben gehen wollen. Er wird sich dessen aus bekannten 
Gründen nicht gerne haben erinnern wollen. 

5. Aus der vorhin erwähnten Eigenart in Bezug auf 
die Wortstellung folgt dann auch wohl die andere, dafs 
der wirkliche Infinitiv der den Participersatz fordernden 
Zeitwörter nicht gerne ein Hülfszeitwort hinter sich 
duldet, wenn er hinter einem andern Infinitiv steht. 

Man sagt 

Wenn er das schreiben wird; 
Wenn er das einmal können wird; 
aber kaum wird es heifsen 

Falls er das schreiben können wird, 
sondern mit vorgesetztem wird: 

Falls er das wird schreiben können"^). 
Was Feodor Wehl sagt {Dunkle Blätter aus der 
Geschichte Italiens, Reclams Univers.-B. p. llljß) . . . aus 
der sie nach der Seite des Ufers zu ein weifses Ticch 
heraushängen sehen werden dürfte somit wohl etwas selt- 
sam anmuten. Dasselbe gilt von dem Satze Da ein 
Experiment wiederholt werden können mufs (Deutsche 
Ubers. von Renan, Leben Jesu, Reclams Un.-B. p. 34 J^). 
Dagegen sagt Philipp von Zesen bereits in heute üblicher 
Weise: dafs ich mich werde unterstehen dürffen, (Hochd. 
Sprachübung p. XXX 3.) 



*) BisMARCK, Reden, Reclams U.-B. p. 85 i : ... dafs die Erste 
Kammer , . . kann durchsetzen wollen. 



— 37 — 

6. Hat das Perfekt zwei abhängige Infinitive bei sich, 
von denen der eine dem andern wieder übergeordnet ist, 
haben wir also das Perfekt der folgenden Sätze zu bilden: 

Er mag das thun wollen; 
Er kann das thun wollen; 
Er will das thun müssen; 
Er darf das thun wollen ; 
Er darf das thun lassen; 
Er mufs das thun lassen; 
Er mufs das thun dürfen u. s. w.*) 
so heifst dieses aus dem vorhin angegebenen Grunde nicht 

*Er hat das thun wollen mögen, 
sondern mit vorgesetztem Paticipersatz: 

Er hat das mögen thun wollen; 
Er hat es müssen thun können u. s. w. 
Nur lassen, das in Bezug auf die Anwendung des Parti- 
cips (wie weiter unten) allerdings vielfachen Schwankungen 
unterworfen ist, scheint hiervon wieder eine Ausnahme zu 
bilden. 

Er hat ihn gehen lassen müssen; 
Er hat es drucken lassen wollen; 
sind wohl kaum zu beanstanden. Man merkt den Unter- 
schied deutlicher, wenn man einander gegenüberstellt 

Er hätte es drucken lassen können; 
aber: Er hätte es können drucken wollen; 

Er hätte es können drucken lassen wollen. 

Auch die übrigen Zeitwörter, die in Bezug auf die 
Anwendung des Participersatzes schwanken (besonders 
hö7'en und lernen: sieh weiter unten), gestatten in dem 
angegebenen Falle ein Hülfsverb doch wohl hinter sich: 



*) Ibsen sagt z. B.: Wie soll ich das Unmögliche wollen können 
Kaiser und Galiläer. Deutsche Übersetzung in Reclams U.-B. p. 116 ^]. 



— 38 — 

Wen7i wir schwimmen lernen tvollen: Bismabgk, 

Beden, Reclam p. 90 13. 
Wenn wir ihn singen hören können. 

7. Dafs der abhängige Infinitiv selbst im Perfekt 
steht, kommt bei Perfektformen wohl kaum vor: 

Er kann das geschrieben haben. 
Doch wäre es vielleicht trotzdem möglich, wenn man sagte: 
Das hätte er doch in zwei Stunden geschrieben 
haben können. 

8. Ist die regierende Perfektform passiv, dann tritt 
der Participersatz nicht ein. 

Ich habe ihn stehen lassen; 
aber: Er ist stehen gelassen worden; 

und auch: Er wurde stehen gelassen. 

Von den Modalhülfszeitwörtern ist es nur lassen, das 
ein solches Passiv gestattet. Der abhängige Infinitiv mufs 
aber dann selbst aktive Bedeutung haben; also kann es 
heifsen: 

Der Vogel wurde fliegen gelassen; 

Der Arzt wurde kommen gelassen; 

Das Boot wurde schwimmen gelassen; 
aber nicht: 

Die Brücke wurde bauen gelassen; 
Das Kind wurde taufen gelassen; 
Das Buch wurde binden gelassen. 

Dafs diese Passive unmöglich sind, ist wohl leicht ein- 
zusehen. In dem Satze Ich lasse die Brücke bauen ist 
Brücke nicht Objekt zu lasse, sondern zu bauen; ist es 
aber nicht Objekt zu lasse im aktiven Satze, so kann es 
auch nicht Subjekt zu lasse sein im passiven. 

(Im Englischen und Niederländischen sind diese Passive 
überhaupt nicht entwickelt. „He was let come^ ; „Hij 



— 39 - 

tverd gelaten komen^^; oder etwa „Hij werd komen gelaten^ 
sind unmöglich.) 

9a. Keinen Unterschied macht es, wenn ein Infinitiv 
von zwei Perfektformen abhängig ist: 

Er hat es thun wollen und können. 

9b. Auch können mehrere oblique Infinitive zu einer 
regierenden Perfektform vorhanden sein, ohne dafs ein 
Unterschied stattfände; z. B. 

Er hat die Tltür ausbessern, anstreichen und dann 
noch einmal als neu verkaufen lassen. 
Nur darf wie bei allem so auch hier „diu mäze" nicht 
aus den Augen verloren werden. 

Was Immekmann schreibt {Oberhof , Ausgabe der 
CoUection Spemann, p. 655): 

Der Vater hat später gehen, kommen, sich kleiden 
ivie, vornehmen können, was er gewollt 
ist wohl nicht zu empfehlen. 

Hier kann es dann auch vorkommen, dafs der Ersatz 
zu dem ersten Obliquus tritt: 

Er hat schreiben können und rechnen. 
So heifst es in der deutschen Übersetzung von Ibsen, 
Kaiser u, Galiläer, (Reclam) p. 119^0: 

Ich habe ein Weib gesund aus der Kirche gehen 
sehen und den Gott der Oaliläer preisen. 
Und J. C. BiERNATZKi sagt {Der braune Knabe. Meyers 
Volksbücher, No. 513— 517; [1839] p. 2328): 

, . .wo ich in der Kraft Gottes . . . hätte einhertreten 
sollen und darein reden und zeugen von ihm. 

9c. Auch kann es vorkommen, dafs in einem „zusammen- 
gezogenen" Satz eins der Prädikate einen Ersatz hat. 
Dadurch entsteht aber ebenfalls kein Unterschied in der 
Behandlung derselben. 



- 40 — 

Er hatte manclies Oute getlian, oder doch von Bern' 
Stoff, seinem berühmten Minister thun lassen. 

MüGGE, Vogt von Sylt, Reclam p. 145 13. 

Hätte er . . . zu de^n . . . für ihn . . . Nöthigen gerathen 
oder zu Hause bleiben wollen. 
(Nebensatz mit der Wortstellung des fragenden Haupt- 
satzes). 

"Wilhelm Ostekwald, Cicero: Pflichten; Leipzig, 
Leuckart, 1874; p. 154 ^ 

Er hat beide tveinen sehen, beide schreien gehöret, 
und sie doch trennen können. 
(Diderot, der Hausvater; [Reclam p. 69 s] übersetzt von) 
G. E. Lessing. 

10. Auch bei der einfachen fragenden Wortfolge des 
Satzes findet kein Unterschied statt, da das Subjekt 
dann nur hinter den ersten flektierten Teil des Prädi- 
kates tritt: 

Wird er es haben thun wollen? 

IIa. Häufig kommt es nun im Deutschen vor, dafs 
zur besonderen Hervorhebung das Prädikat an die Spitze 
des Satzes tritt: 

Lügen konnte er unerhört; 

Thun will er es, aber wie! 

Geschrieben hat er eine Stunde, gelesen zwei, 

Geschrieben hat er kein Buch, wohl hat er eins 

herausgegeben. 

So sagt Von der Gabelentz: Durchgrführt ist sie 
noch öfters worden (Sprachwissenschaft, 1891; Seite 
II613); 

ferner Hekdek: Verworfen konnten alle nicht werden 
(Ursprung der Sprache, Meyers Volksbücher p. 561^;; 
Goethe: Tanzen mufs man sie sehen (Werter, Meyers 



— 41 — 

Volksbücher p. 18 js); Mügge: Verfälschen läfst sich so 
etwas nicht (Der Vogt von Sylt] Recl. Univ.-Bibl. p. 140'). 

Ferner: 
Vorstellen kann sich das jeder wie er Lust hat. Reichs- 

TAGSEEDEN, p. 151 1 (LiEBKNECHT).*) 

Oeschützt sein wollen wir alle, Bismakck (Meyer) 
p. 22915. 

Reiten wird es schon können. Bismakck (Meyer), p. 67 7. 
Ausschliefsen können sie aber auch 21 Regierungen 
eben so wenig. Bismakck (Meyer) p. 55 6. 

b. Auch das Verbum Finitum steht so wohl an der 
Spitze : 

Schreibt er doch schon 2 Stunden. 
HaV ich den Markt und die Strassen doch nie so 

einsam gesehen: Goethe. 
Steht das Modaladverb doch nicht im Satze, dann 
tritt Umschreibung mit thiin ein. So sagt Salzäiann 
{Krebsbüchlein, Recl. Univ.-Bibl. p. 68 8): 

Verstehen thut er auch nicht viel. 
Ferner: 

Kochen thut sie, aber waschen niemals. 
J. VAN Devall, Im Bivouak; Berlin, Otto Janke, p. 96 5. 

c. Ein Participersatz tritt indessen so nie 
an die Spitze. 

"^Wollen hat er das thun, nicht müssest 
ist unverständlich. Höchstens kann man sagen mit dem 
eigentlichen Particip und dann ohne obliquen Infinitiv 

Oewollt hat er es, nicht gemufst 

d. Auch in einem Passivsatz kann das Particip oft nicht 
an die Spitze treten. Es wird schwerlich heifsen können : 

Verkauft ist das Haus worden, nicht vermietet. 



*) Sieh in dem S. 76 beginnenden Verzeichnis die No. 86. 



— 42 — 

12 a. Wohl kommt es aber vor, dafs der oblique 
Infinitiv an die Spitze tritt: 

Schreiben konnte er ausgezeichnet^ 
vortragen aber nur schlecht 
b. Aber wie heifst nun das Perfekt davon? Die Form 
mit Ersatz: 

Schreiben hat er ausgezeichnet Jcönnen, 
vortragen aber nur schlecht, 
läfst sich zwar belegen. 

So sagt E. WiCHEKT z. B. in seiner Novelle ,^FUr tot 
erUärf' (Red Univ.-Bibl. p. 39i): 

Aufdringen habe ich mich nicht wollen; 
und weitere Belege fanden wir in Ebebhabd, Hannchen 
und die Küchlein (Ausg. von 0. Hendel, Halle; 6 ter Ge- 
sang, Vers 15G): 

Stören nicht hättest du können; 
• „Fliegende Blättek" (Nummer vom 1. Okt. 1893, 
p. 124): Zurücklassen hat er sie doch müssen; 

Feitz Bkentano, Heitere Geschichten, (Recl. Univ.- 
Bibl., 4tes Bändchen p. 56 ii): 

Aber tvissen hätte er mögen. 
Doch macht diese Konstruktion einen unverkennbar 
fremdartigen, wenn nicht gar fehlerhaften Eindruck. 

Es fragt sich eben, ob die Adhaesion zwischen obliquem 
Infinitiv und Participersatz stark genug ist, um den 
letzteren als solchen zu erhalten. Soll es denn nun heifsen 
Schreiben hat er ausgezeichnet gekonnt^ 
vortragen aber nur schlecht? 
Auch dies wird in der Verlegenheit geschrieben und 
ist belegbar; Ebekhard schreibt in derselben Idylle, aus 
der eben das Beispiel mit Ersatz angeführt worden ist 
(Gesang X, Vers 62): 
Fortgehn hab er gewollt und sei wie gefesselt gewesen- 



- 43 — 

Aber diese Form hat ebenfalls etwas gegen sich, da 
doch durch den ganzen Satz der Einflufs des an die 
Spitze getretenen obliquen Infinitivs fühlbar ist, eben 
weil er ja durch seine bevorzugte Stellung und die scharfe 
Betonung die Aufmerksamkeit in hervorragendem Mafse 
auf sich lenkt. 

Wie soll man es denn nun aber hier machen, wenn 
weder das eine noch das andere tadellos ist? Wir 
zucken mit den Achseln und bleiben die Antwort schul- 
dig. Wir wissen es nicht. Selbst würden wir der Eorm 
auf irgend eine Art aus dem Wege zu gehen suchen. 

c. Im Futurum Exactum wäre die Verlegenheit noch 
gröfser : 

Er wird ausgezeichnet haben schreiben können. 
Wir lassen es dahingestellt, welche Form hier wohl 
gewählt werden wird : 

'^Schreiben wird er ausgezeichnet haben können; 
oder 

^Schreiben wird er ausgezeichnet gekonnt haben. 
Wenn wir Heedek richtig beurteilen, so würde er in 
diesen Formen, die wir übrigens aus ihm nicht haben 
belegen können, ohne Zweifel den Participersatz gewählt 
haben. Denn er wagt es zu sagen: 

Ein andrer Verteidiger der gegenseitigen Meinung 

fragt, wie doch je die Menschen aus Notdurft ihre 

Sprache hätten fortbilden wollen, wenn sie Lukrezens 

Mutum et turpe pecus gewesen wären? und läfst sich 

auf eine Menge halbwahrer Instanzen der Wilden ein. 

Ich antworte bloß: Niemals! Niemals hätten sie es 

wollen und können. 

Der oblique Infinitiv, der bei Hekdee also zwei Par- 

ticip-Ersätze {wollen und können) erzeugen konnte, war 

von diesen durch 28 Wörter getrennt und wirkt selbst 



— 44 — 

über ein Fragezeichen, einen Punkt, einen Doppelpunkt 
und ein Ausrufungszeichen hinaus. 

14. Eine bestimmte Form hat sich hier jedenfalls 
noch nicht festgesetzt; und ob und vrie das überhaupt 
geschehen wird, darüber wagen wir vor der Hand noch 
keine Meinung zu äufsern. 

15. Es kommt auch vor, dafs der oblique Infinitiv in 
Gedanken zu ergänzen ist; z. B. 

Warum hat er das Haus denn niclit gekauft, er 

konnte ja (das fehlende Geld leihen). 

"Wie heifst nun hiervon das Perfekt? Soll man sagen 

Er hätte ja können ? 

Zu rechtfertigen wäre dies schon. Der oblique, den 
Ersatz hervorrufende Infinitiv stände dann nur hinter 
dem Ersatz, allerdings gegen den heutigen Sprach- 
gebrauch, aber doch in Übereinstimmung mit dem älteren 
(wie weiter unten). Indessen hat die Form für uns 
selbst etwas Anstöfsiges und wir möchten sie lieber 
nicht gebrauchen. Doch mögen andere darüber ab- 
weichender Ansicht sein. "Wenigstens fanden wir in der 
deutschen Übersetzung von Ibsen, Kaiser und Oaliläer 
(Reclams Univ.-Bibl. p. 118 12): 

Hält er die Zügel des Weltenwagens in seiner Hand, 
so hätte er ja können — 
16a. Genau dasselbe gilt von den Fällen, wo der 
oblique Infinitiv aus dem Vorangehenden zu ergänzen ist. 
Uns selbst widerstreben Sätze wie die folgenden: 

Ich hätte ihm befehlen mögen, wie ich hätte mögen, 
es hätte nicht gesungen : Hauff, Mann im Mond (Meyers 
Volksb. p. 50 jo). 

Ohne sie hätten wir anzetteln können, was wir 

hätten tvollen, tuir hätten doch nichts zuwege gebracht: 

Hauff, Mann im Mond (Meyers Volksbücher p. 107 lO). 



— 45 — 

Mufst eleu auch mürV werden; haben's alle müssen; 
dagegen hilft nichts: 

Heemine Ylllingee, Unter Bauern (Engelhorns 
Romanbibliothek p. 923). 

Uns persönlich ist nur geläufig ein Satz der folgenden 
Form : 

Er hätte bitten können, wie er gewollt hätte, ich 
würde es nicht gethan haben. 
16 b. Steht kein obliquer Infinitiv bei der Perfekt- 
form, ist auch kein solcher in Gedanken zu ergänzen, 
dann sollte man meinen, sei das Auftreten des Ersatzes 
ganz ausgeschlossen. 
Also: 

Hast du denn nicht gekonnt? 
Er hätte gedurft, ivenn er nur gewollt hätte etc. 
Trotzdem treten auch hier Participersätze vereinzelt 
auf, und zwar, wie es scheinen will, besonders im Dialekt 
und dann auch in den vom Dialekt entweder stets oder 
nur bei besonderen Gelegenheiten mehr als gewöhnlich 
beeinflufsten Schriftstellern. 

Jebemtas Gotthelf {Uli der Pächter. Reclams XJni- 
vers.-Bibl. p. 206 12): 

Was habe ich anders wollen. 
L. F. Meissner {Aus den Papieren eines Polizeikom- 
missärs. Reclams Univers.-Bibl. No. 3304 p. 348): 

Ja, ivas er denn nacher wollen. 
Dieser „absolute Ersatz" zeigt sich aber nur bei den 
Hülfsverben des Modus: die übrigen Zeitwörter, die den 
Ersatz aufweisen, lassen ihn nur bei begleitendem Obli- 
quus zu. 



17. Was nun die Wortstellung betrifft, so ist die in 
den oben gegebenen Beispielen heute durchgängig Regel. 



— 46 — 

18. Daneben kommt aber auch noch hin und wieder 
eine ältere vor, nach welcher der Participersatz vor den 
obliquen Infinitiv tritt. 

Es hiefs also früher nicht 

Er hat schreiben können, 
sondern 

Er hat können schreiben. 

So sagt z. B. Erasmus Albebüs {Fabeln; Ausg. von 
Max. Niemeyer, Halle a.S. 1892; p. 31 ^^): 

Vnd hett ich jhn gleich können dir betrüben; 
ferner Chbistian Weise {Erznarren, Halle, M. Nie- 
meyer, 1878; p. 188^4): 

Er hätte seine Meinung viel deutlicher können von 
sich geben, so hat er was sonderliches wollen vorbringen. 

Beispiele aus der heutigen Litteratur sind selten. 
Doch fanden wir noch 

Ich habe müsseyi zuhören Sie herabsetzen. 
Goethe {Werler. Meyers Volksb. p. 60 le). 
Er hatte sie müssen befreien. Renaed, 
Ist der Mensch frei. (Deutsche Ubers. Recl. p. 969). 

19. Dafs die Poesie die ältere "Wortstellung noch 
häufiger zeigt, braucht dabei nicht aufeufallen. Die Poesie 
ist ja überhaupt eine Pflegestätte alter, ehrwürdiger 
Sprachbestandteile, die vor dem Geräusch des Tages 
schon längst die Flucht haben ergreifen müssen. Auch 
im Kanzelstil dürfte sie sich aus demselben Grunde noch 
öfter vorfinden, ganz abgesehen davon, dafs auf ihn auchnoch 
LuTHEBs Sprache einen ganz mächtigen Einflufs ausübt. 

Aus der neueren Poesie sei hier angeführt: 

Hätt ich sie gleich doch können begleiten. Eber- 
HAED, Hannchen u. die Küchlein, X, 147; 

Längst hätV ich's wollen ersetzen. Derselbe, I, 135. 



— 47 — 

20. Auch im Schweizerdeutsch scheint uns die ältere 
"Wortstellung, wenn nicht geradezu Regel, so doch noch 
sehr beliebt zu sein; wenigstens, wenn wir nach demjenigen 
urteilen dürfen, was wir in dem Lesehiiclijür schweizerische 
Secundarschülen von Fb. Edingee (Bern, Nydegger und 
Baumgart, 1894), Band I p. 124 fanden: 

„S'si aber au zweu schöni Filii gsil^' macht der 
Bur und het si kei Äugehlik in sir Ärhet lo störe. 
Femer steht 

S. 125 16: Het aber nit vil lo merke. 

S. 125 13: Und was er ihm heig welle bringe. 

S. 1258: Und de Bur het si in erste Teil 

ordli chönne schicke. 
S. 126*4: j£et der Chopf lo hange. 
Wenn dem so wäre, so hätte es ebenfalls weiter nichts 
Auffallendes an sich, da sich in der Yolksmundart, die 
in ihrer Entwickelung stets nur wenig von der Schrift- 
Sprache beeinflufst wird, Überbleibsel des älteren Sprach- 
standes in grofser Anzahl vorfinden. 

21. Nicht besonders merkwürdig, wenn auch gewifs 
beachtenswert ist es also femer, dafs das Niederländische, 
das sonst durchgängig auf viel jüngerer Stufe der Ent- 
mckelung steht als das Deutsche und sich in manchem 
bereits bedenklich dem Englischen nähert, (ebenso wie 
das Nordische) die ältere Wortstellung durchaus be- 
wahrt hat: 

Hij heejt niet willen kamen; 
Han har icke velat komma; 
Er hat nicht kommen wollen. 
Nur in einem Falle ist die ältere Wortstellung noch 
in gewöhnlicher Sprache möglich; in einem Satze nämlich 
wie der folgende 

Er hat das sollen und müssen thun, 



— 48 — 

wo zur besonderen Hervorhebung die regierenden Per- 
fecta vorgesetzt sind. Oder auch, wenn bei mehrfachem 
Obliquus durch die veränderte Wortfolge ein besonderer 
Nachdruck auf denselben gelegt werden soll: 

Du hast mich gelehrt heben und flehen. Biernatzky 

{Der braune Knabe. Meyers Volksbücher No. 513 — 517) 

p. 267 1^. 

22. Sollen wir den Verlauf des Überganges der älteren 
Wortstellung in die neuere der Zeit nach etwas genauer 
bestimmen, so möchten wir sagen: 

Die Stellung des Participersatzes vor den obliquen 
Infinitiv war im 16ten Jahrhundert wohl durchgängig die 
Regel; im 17ten Jahrhundert wird die Wortstellung lang- 
sam schwankend; gegen Ende des 18ten Jahrh. bricht 
sich die neuere immer mehr Bahn, besonders bei Goethe 
und heute ist sie als ausschliefsliche Regel zu betrachten. 

1) Hat das volcJc von Israel mugen bestehen. Luthee, 
An den christl. Adel. Halle, 1877 p. 78i9. 

2) Und er hat müssen sjnnnen für großer Liebe. 
Luthek; Neubauer II; p. 77 ^i. 

3) Kei7i Turck het welschlandt ßo mu^en vorterben 
und gottis dienst figderlegenn. Luthee, An den christl. 
Adel; Halle, 1877 p. 19 »^ 

4) Ich hab auch dürffen leut angehn. E. Albeküs, 
Fabeln; Niemeyer p. 51 ». 

Doch kommt daneben auch schon vor: 

1) Wie oßft habe ich deine Kinder versamlen wollen 
Vnd jr habt nicht gewolt. Luthee, Matth. 23, 37. 

2) So haben sie auch irren mögen. H. Sachs, Dia- 
loge^ p. 25 N. 

Das 17te Jahrhundert wird durch das Folgende 
charakterisiert: 



— 49 — 

1) Vnd VHS das blutige heginnen der Waffen nicht 
hat tilgen können, Opitz, Poeterey; Niemeyer, 1882; 
p. 51 12. 

Hiernehen habe ich auch nicht sollen vnverwehnet 
lassen. Ders. p. 59^. 

2) Weil er hat wissen sollen. Weise, Erznarren, 
Niemeyer, p. 224; X. 

Ja, er hätte es sollmi wissen. Derselbe: 2 Zeilen 
darunter. 

3) Man hat es aber aussetzen müssen. Canitz, Aus- 
gabe Königs, 1727. (Königs Neuer Vorbericht, 
p. XLn4.) 

Für die neuere Wortstellung sei angeführt: 

Hätte sie ihn einer ihrer Freundinnen verheiraten 
dürfen, hätte sie hoffen können auch sein Verhältnis 
gegen Albert ganz wieder ho'zitstellen. Goethe, Werter 
p. 93 18. (Meyer). 

Du hättest für mich ein paar Wege gehen müssen. 
Salzmann, Krebsbüchlein, Reclams Univ.-Bibl. p. 89 le. 

23. Am längsten hielt sich die ältere Wortstellung, 
wenn der oblique Infinitiv zusammengesetzt war, also in 
Sätzen wie 

Ur hat das müssen verkaufen lassen; 
Das Haus hat können verkauft werden. 

So sagt auch Lessing, Dramaturgie, (Ausgabe 0. Hendels 
in Halle, p. 57i3): Quinault hätte es bei dem zweiten 
können bewenden lassen. 

Aber auch hier trat allmählich der Participersatz 
hinter die obHquen Infinitive. Man vergleiche: 

a) Er hätte die Fliädra allein sollen rasen lassen. 
Gottsched, Cato, (Reclam) p. 102 1 4. 



— 50 — 

b) Wie hätte sich dieser Kaiser sollen in den Sinn 
kommen lassen, Schillee, Dreifsigjähriger Krieg ^ 
(Reclam) p. 14 20. 

a') Er hatte sich ja seine Herzensfreude nicht merken 
lassen dürfen. Haupf, Mann im Monde, (Meyers Volksb. 

p. 91 16). 

b') Ich hätte ihn hier töten lassen sollen, Ibsen, 
Kaiser u. Galiläer, deutsch; (Reclam) p. 87i7. 

24. In Fällen dieser Art läfst Wetzel — jedenfalls 
gestützt auf F. Becker — die ältere Wortstellung noch 
neben der jüngeren zu: aber wir glauben wohl nicht ganz 
mit Recht, wenn wir übrigens den neueren Sprachgebrauch 
richtig beobachtet haben und in der Beurteilung unserer 
eigenen Neigung in solchen Fällen nicht fehlgehen. 

25. Hat der oblique Infinitiv noch Objekte oder ad- 
verbiale Bestimmungen bei sich, so ist die Wortstellung 
von je her bis heute den mannigfachsten Schwankungen 
ausgesetzt gewesen: indem der Participersatz zuweilen 
vor, zuweilen hinter die Objekte oder adverbialen Be- 
stimmungen trat. Opitz sagt: 

HaV ich sie wollen hier an leichte reine wenden, 
(Poeterey, p. 462.) 
und Clauren, Mimili (Reclam p. 49 1 3) : 

Alle Felsen . . . haben müssen Euren Namen nennen. 

26. Interessant und lehrreich ist ein Vergleich der 
altern mit der Jüngern Wortstellung in Bezug auf die 
Häufigkeit ihres Vorkommens bei einem und demselben 
Schriftsteller. In seinem j,Mann im Mond" schreibt Hauee 
(Meyers Volksbücher, p. 52^): 

Er hätte vor Schrecken in den Boden sinken mögen; 
und diese Wortstellung fanden wir in dem ganzen Werke 
noch in zwölf anderen Beispielen: p. 649, 64^, 91 14, lOlii, 

11021, Ulli, 12010, 1333, 1412, 1474, 1572, 2145. 



— 51 — 

Dagegen sagt er p. 29i: 

Sie hätte mögen die paar Zöllchen breite Kluft 
durchfliegen;"^) 
und diese Wortstellung fanden wir in dem ganzen Werke 
noch in sieben andern Beispielen: p. 318, 38io, 679, 83 ^ 
936, 1312, 1809. 

Die Häufigkeit des Vorkommens der älteren Wort- 
stellung verhält sich also in dem genannten Werke zu 
der des Vorkommens der jüngeren wie 8:13. 



27. Es versteht sich von selbst, dafs die obigen Kegeln 
auch für die Nebensätze gelten, natürlich allerdings mit 
den für deutsche Nebensätze geltenden Eigenheiten be- 
züglich der Wortfolge. 

Im erzählenden Hauptsatze heifst es: 

Ich will gehen; 

im Nebensatze heifst es 

Wenn ich gehen will. 

Im Hauptsatze ferner 

Ich habe gehen wollen; 
Im Nebensatze nun aber nicht 

Wenn ich gehen wollen habe, 
da der Participersatz kein Hilfsverb hinter sich duldet, 
wie oben ausgeführt, sondern 

Wenn ich habe gehen wollen; 
Wenn er wird haben gehen wollen. 

Wir haben nur ein einziges Beispiel gefunden, in dem 



*) Er hat mir geiuollt das Geld avs der Tasche reifsen. Eduard 
PÖTZL, Kriminal- Humoresken 1 Erstes Bändclien, Reclams Ü.-B. 

No. 1905 p. 75 13. 

4* 



— 52 — 

das HülfisTerb hinter dem Participersatz steht wenn wir 
übrigens die Stelle richtig beurteilt haben: 'Karls V. 
Halsordnung (Ausgabe von KecL in dessen Unir.-BL) 
p. 9 ^^: Thun kundt allermeniglich .... dafs icir .... den 
Äbschiedt jetzt gehalten Eeichßtags zu Begenspurgk .... 
im truck zubringen heudhen lassen haben; das heilst: 
^. • . . dafs wir haben befehlen lassen, den Abschied des jetzt 
gehaltenen Reichstages in Druck zu bringen.'^ 

28. Hat ein Satz keine Objekte oder adverbialen Be- 
stimmungen^ so fallt dadurch der kennzeichnende Unter- 
schied zwischen Haupt- und Nebensatz hin. Man ver- 
gleiche nur: 

Hauptsatz: 

Er wird haben schreiben wollen, 

Nebensatz: 

Wenyi er wird haljen schreiljen wollen. 

29. Nur bei vorhandenen Prädikatsbestimmungen wird 
der Unterschied wieder deutlich; z. B. 

Er wird den Brief haben schreiben wollen, 
Wenn er den Brief unrd haben schreiben wollen^ 

nach der allgemeinen Regel: Im Hauptsatz treten Prädikats- 
bestimmimgen hinter das Verbum Pinitum, im Neben- 
satz vor dasselbe. 

30. Hin und wieder kommt es auch vor, dafs in diesem 
Falle selbst in Nebensätzen die Prädikatsbestimmungen 
hinter das Verbum Finitum gesetzt werden, vielleicht 
weil man instinktiv bestrebt ist, die zu grofse Aufeinander- 
häufung der konstituierenden Teile des Prädikates am 
Satzende zu vermeiden: 

Wenn man den Österreichern den Einzug hätte 
verwehren wollen; 



— 53 — 

oder auch: 

Wenn man hätte den Österreichern den Einzug 
verwehren wollen; 
oder auch: 

Wenn man den Österreichern hätte den Einzug 
verwehren wollen. 

Der charakteristische Unterschied zwischen Haupt- 
und Nebensatz fällt dann allerdings wieder hin. 

31. Da dieser Unterschied in der Wortstellung zwischen 
Haupt- und Nebensatz erst langsam entstanden und z. B. 
in Luther noch nicht zu völliger Durchbildung gelangt 
ist, so halten wir in solchen Sätzen die jetzt ungewöhn- 
liche Wortstellung für älter als die andere. 

Als kennzeichnend für Luthees Wortstellung führen 
wir an: 

1 Corinther 1, 5: Das jr seid durch jn an allen stücken 
reich gemacht 

1 Cor. 1, 8: Welcher auch wird euch fest behalten bis 
ans ende. 

Joh. 18, 14: Es were gut, das ein Mensch würde mnb- 
bracht für das Volck. 

Jeremias 29, 4: So spricht der Herr . . . zu allen Ge- 
fangen, die ich habe von Jerusalem lassen wegfüren gen 
Babel 

Jeremias 29, 22: Das man wird aus den selbigen einen 
Fluch machen vnter allen Gefangen aus Juda. 

Ferner sind kennzeichnend die Stellen: Jeremias 
29, 26; Jerem. 29, 32; Jerem. 30, 10. 

Allerdings setzt Luther im Nebensatze die Negation 
und Pronomina vor das Finitum, und zwar stets, so weit 
wir gesehen haben. 

32. Besteht das Prädikat aus einem Zeitwort mit 
notwendigen Begriffsergänzungen z. B. zu stände bringen, 



— 54 — 

aus dein Wege räumen, in stand setzen etc. oder aus 
einem Adjektiv oder Substantiv + sein, werden, bleiben, 
dann stellt man das Finitum wohl am liebsten vor die 
Ergänzung: 

Wenn er das hätte zu stände bringen können. Wenn 
er untöT den Umständen hätte glücklich sein können. 
Falls ei' in einem Jahr schon hätte Oberst sein sollen; etc. 

33. Ist der oblique Infinitiv passiv oder anderswie 
zusammengesetzt, dann wird der Participersatz auch noch 
wohl vor den obliquen Infinitiv gesetzt. 

Hauptsatz: 

Der Brief hat geschrieben werden können. 
Der Brief wird haben geschrieben werden können. 
Nebensatz: 

Wenn der Brief wird haben geschrieben werden können; 
oder auch: 

Wenn der Brief wird haben können geschrieben werden. 

Und bei etwa vorhandenen Prädikatsbestimmungen: 
Wenn mein Bruder heute vom Arzt wird haben be- 
handelt werden können, 
oder auch: . . . wird haben können behandelt werden. 

Enthält der Obliquus ein Hilfsverb des Modus, dann 
mufs der Ersatz vorstehen: 

Wenn er das liätte können drucken lassen dürfen; 
Wenn er das hätte wollen drucken lassen können. 

Zu belegen sind freilich diese verwickelten Infinitiv- 
formen schwer, da sie zu weitschweifig sind, um sich ein- 
bürgern zu können. Sie sind jedoch richtig gebildet und 
die Sprache läfst sie jedenfalls zu. 



— 55 — 

34. Häufig wird nun nach althergebrachtem Brauch 
im deutschen Nebensatz das Verbum Finitum ausgelassen, 
und zwar nicht nur dann, wenn der etwa folgende Haupt- 
satz mit demselben Verbum Finitum beginnt, so dafs 
ein Zusammentreffen zweier gleichlautenden Wörter aus 
stilistischen Gründen zu vermeiden wäre, sondern über- 
haupt. 

35. Von den Schriftstellern unserer Tage scheint 
Feanzos noch am meisten diesem Gebrauche zugethan 
zu sein. In seiner Novelle Die Hexe (Ausgabe in 
Eeclams Univ.-Bibl. No. 1280) bietet er gleich auf der 
ersten Seite in sieben Zeilen nicht weniger als vier Bei- 
spiele dafür. Führen wir sie eben an: Ich dachte des 
ärmlichen Städtchens, in dem ich gehören, und der ein- 
Samen Heide, über die ich geritten und der stillen tief- 
dunMen Weiher, an denen ich geruht Und vor allem der 
düstern Klosterschule, da mir die Patres Dominikaner 
unter guten und hösen Schlägen das Geheimnis der Buch- 
stahefn und Zahlen erschlossen. 

Andere interessante Beispiele aus der heutigen Litte- 
ratur finden sich in Sosnosky, Spr achwart (Breslau; 
Trewendt, 1894); p. 99. 

36. Dieser Gebrauch, der um die Glitte des 16ten 
Jahrhunderts begann, war ehemals viel beliebter als heute 
(: Poeterey, p. 4ii, 5 ^ 6^, 11 9, 16 ^ etc.). Man macht wohl 
keinen Fehler, wenn man sagt, er sei gegen Ende des 
1 7 ten Jahrhunderts und bis gegen die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts geradezu das allein Übliche gewesen. Canitz 
und Teiller wenigstens kennen keine andere Konstruk- 
tion und auch bei Lessing ist die Auslassung noch Regel 
[Die Dramaturgie, Ausgabe von 0. Hendel in Halle, 
hat Belege dafür auf den Seiten 5 5, 6^ 79, 88, 2923, 63 
(vier! Beisp.) 68 (vier! Beisp.)]. Wüstmann hat also 



— 56 — 

Unreclit, wenn er, nach dem Wortlaut seiner Darstellung 
zu schliefsen (p. 165) annimmt, die Weglassung sei ziem- 
lich jungen Ursprungs und werde häufiger. Gerade 
das Umgekehrte scheint uns der Fall zu sein : Die Neben- 
sätze mit unverkürzten Prädikatsformen sind jünger, als 
die mit verkürzten, und daher erklärt sich denn auch als 
etwas ganz Selbstverständliches, was selbst Wustmann 
zugiebt, dafs die verkürzten Formen für die Poesie und 
überhaupt den höhern Stil als ganz angemessen betrachtet 
werden müssen. 

37. Besonders in einem Falle kann man heute der 
Formen des „Hattewarstils^'^ nicht mehr entraten; dann 
nämlich, wenn das Prädikat ein Zeitwort mit Particip- 
ersatz enthält. 

Kann es (zur Not) noch heifsen 

Wenn er diesen Brief selbst geschrieben, will ich ihn 
anstellen; 
so ist es doch heute unmöglich, sich anders auszudrücken 
als mit beibehaltenem Verbum Finitum in dem Satze 

Wenn er diesen Brief selbst hat schreiben lcön7ien, 
will ich ihn anstellen. 

38. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert blieb 
der Sprachgebrauch vor dieser Schranke aber nicht 
stehen. Auch in einem solchen Falle liefs man das 
Verbum Finitum durchgängig aus: 

Wenn er diesen Brief selbst schreiben Tcönnen, will 
ich ihn anstellen, 
wie aus LessdsG ja hinlänglich bekannt ist. 

39. Bemerkenswert ist es, dafs Herdee, Goethe 
und Schiller die hülfsverbhaften Formen im geraden 
Gegensatz zu LessdsG nicht allein bevorzugen, sondern 
fast ausschliefslich gebrauchen: ob bewufst oder un- 



— 57 — 

bewufst, absichtlich oder zufällig haben wir freilich nicht 
erkennen können. 

40. Bleiben wir bei dieser Form, welche wir nach dem 
bedeutendsten Schriftsteller, der sie in ausgiebiger Weise 
verwandt hat, 

„Lessingsatz" 
nennen wollen, einen Augenblick stehen. 

41. Das älteste Beispiel dieser Art, das wir belegen 
können, stammt aus dem Jahre 1582 und ist angeführt 
in CuET Müller, Hexenäberglauhe (Ausg. von Reclam, 
Univ.-Bibl. p. 139 6): 

Und einer Frauen ...._, tvelche ihr ein Schwein 
schlachten sollen; 

das jüngste aus dem Jahre 1850: Fkiedrich Bülau, 
Geheime Geschichten (Ausgabe von Reclam, Leipzig; 
2tes Bändchen p. 8819): 

Wenn der Graf selbst nach seinem Tode diesen 
Namen durch ihre Briefe offenkundig werden lassen. 

Der „Lessingsatz" ist also jedenfalls etwa drei Jahr- 
hunderte bekannt und mehr oder weniger üblich gewesen, 
und erst in unserer allerjüngsten Zeit gänzlich aufser 
Gebrauch gekommen. Im 17ten Jahrhundert — möchten 
wir sagen — wurde er mehr und mehr beliebt, bis er 
gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Lessing 
seine weitgehendste Verwendung fand und dann gegen 
Ende des Jahrhunderts langsam immer seltener wurde 
und endlich etwa am Anfange dieses Jahrhunderts oder 
wenig später gänzlich verschwand. 

Einige Beispiele dürften dies wohl belegen: 

Opitz, Poeterey (Halle, Niemeyer p. 5423): So viel ist 
es, was ich von vnserer Poesie auffsetzeyi wollen, 
Ders. p. 552 .,das sie,..aufskommen lafsen. 



— 58 — 

Zesen^ Spraack-übmig (Hamburg 1643) p. XVI 8 : Di/s 
aber kann keiner beweisen, dafs sie eben selbige Wörter 
nicht mit ihren eignen und angebohrnen auch aussprechen 
können. (Aus dem Zusammenhang erhellt, dafs man es 
hier mit einem Perfekt, nicht mit einem Praesens zu 
thun hat.) 

Asiatische Banise (Ausgabe vom Jahre 1738; Leip- 
zig, Eckart) p. 8 3: welche der tyrannische Cliaumigrem , . , 
in denfluß werfen lassen. 

Eben daselbst andere Beispiele p. 8 §, 8i, 9^, 129, 
127, 247, 952, 5259. 

SiMPUcissiSMUs (Neudruck, Halle; Niemeyer) p. 94 *: 
,.,,die den Boden helffen eintreten. 

Eben daselbst andere Beispiele p. 39 ^ö, 46i9, 85i5. 

Weise, Erznarren (Neudruck, Halle; Niemeyer) p. 
43 15: Ein ander kriegte den Abschied, weil er behaupten 
wollen. 

Weise, Tobias u. d. Schwalbe (Ausg. Reclams Univ.- 
Bibl.) p. 76io: Er gehöret gewifs unter die Juden, welche 
.... das neu£ Testament in einem Felsen gefunden, und 
sich dahero tauffen lassen. 

Canitz (Ausgabe Königs vom Jahre 1727) p. XXII2: 
In unsrer neuen Vorrede wird der Leser finden, wie weit 
der Frey-Herr von Canstein dieses sagen können. 

Eben daselbst andere Beispiele p. XXVI i*: p. 
XXIXs; p. XXXVII21; p. XXXVIII8+12; p. XL?; 
p. LIV17; p. CCIX9; p. 510; 7 1»; 190 7. 

Trillek, Fabeln (Ausgabe vom Jahre 1750: Hamburg, 
Herold) p. 2 5 („Neue Vorrede") Weil mich aber sowohl 
viele Verrichtungen .... zur wirklichen Vollziehung dieses 
Vorsatzes nicht kommen lassen wollen (Aus dem Zu- 
sammenhang ergiebt sich das Perfekt.) 



— 59 — 

Eben daselbst andere Beispiele p. 3 i^ („Neue Vor- 
rede"); p. 1213 („Neue Vorrede"); p. 13 8+^2 („N. V."); 
p. 2014 („Vorbericht zur ersten Ausg."); p. 175 („Vor- 
bericht zur ersten Ausg.") [Die Seiten der Vorreden 
sind nicht numeriert.] 

Dann folgen Lessing, Goeze, A. G. Meissneb (der 
Verfasser der „/S/a>^en") mit einer überwältigenden An- 
zahl von Beweisstellen und dann fängt die Abnahme 
an: Im Werter (1774) steht ein Beispiel (p. 66 1 der Aus- 
gabe in Meyers Volksbüchern); in Heedees Abhandlung 

„cZter den Ursprung der Sprache^'' (1770) kein ein- 
ziges. 

Ein Beispiel aus dem Jahre 1808 sei noch angeführt 
der Person wegen, die es bietet. Adelung sagt in seinem 
Wörterbuche, I, Spalte 1619 (Zeile 16 v. o.): 

. . . aber wie man es um defswUlen für ein Hülfswort 
ausgehen können, wie von einigen Sioraclilelirern wirklich 
geschehen, ist nicht zu hegreifen. 

43. Die Form ist also heute gewifs tot und tief 
begraben unter dem Staube vergilbter Folianten. 

44. Beurteilen wir Lessing richtig, so läfst er die 
nach ihm benannte Konstruktion nur dann zu, wenn der 
Nebensatz einen Indikativ enthält. Steht im Nebensatz 
der Konjunktiv der „Indirekten Rede", dann ist die 
Auslassung des Hülfsverbs bei ihm schon weniger häufig 
und enthält der Nebensatz gar einen Konjunktiv anderer 
Art, dann ist sie selten oder vielleicht ganz ungebräuchlich. 

In der Dramaturgie (Ausg. von Otto Hendel in Halle) 
steht p. 4i5 : 

Die Wahl wäre zu tadeln, wenn sich zeigen liefse^ 
dafs man eine viel hessere hätte treffen können. 
Beispiele derselben Art finden sich: 



— 60 — 

p.4d, 812, 11 17, 51 2», 56 2, 57 22, 60 11, 67 21, 76 ", 
81«, 89 7, 96,. 

Ein Beispiel für die Auslassung des KonjnnktiTS eines 
Hülfsrerbs fanden wir p. 68 ^ : 

Xun wäre vseiter an die Heirat nicht zu denken^ 

wenn nicht Limwler seihst sich zu dem Stande 

heraWxssen müssen. 

Ein anderes Beispiel p. 81 10. 

Das sind also auf 100 Seiten, die wir deswegen unter- 
sucht haben, 2 Beispiele gegen 13. 

Sagt dagegen Lesstxg: 
Man kann ihm unmöglich wieder gut werden, da/s 
er es wagen können; p. 6>^ 
so folgt aus dem Zusammenhang leicht, dafs hier der 
Indikativ hat zu ergänzen ist Dasselbe gilt von den 
Beispielen 

p. 103, 55 1, 58 3, 5921, 62 5, 88 10, 952, 101 19. 

45. Aus diesen Stellen dürfen wir also wohl den 
angeführten Schlufs ziehen. Wir glauben somit auch, 
dafs es nicht viel Mühe kostet, in verkürzten Neben- 
sätzen stets das richtige Hülfsverb zu ergänzen, und dafs 
also der Inhalt dessen, was Lessing sagt, bei einiger 
Aufmerksamkeit auch heute noch nicht mifszuverstehen 
ist In den Vorwurf, den Lehmann gegen Lessing 
erhebt, können wir demnach nicht einstimmen, wenn er 
sagt, die Auslassung des Hülfsverbs verursache bei 
Lessing an vielen Stellen Undeutlichkeit und Zweifel: 
ganz abgesehen davon, dafs man a priori berechtigt ist, 
einem solchen Vorwurf gegen einen Lessing zu mifs- 
trauen. — 

40. Bezüglich der Wortstellung ist zu bemerken, dafs 
im Lessingsatz der oblique Infinitiv stets vor den 
Participersatz tritt. Wir haben nur ein Beispiel 



— 61 — 

gefunden, wo ein obliquer Infinitiv hinter dem Particip- 
ersatz steht: das schon oben angeführte aus dem Sim- 
plicissimics p. 94 \ 

47. Ab und zu wird nun auch heute noch die finitum- 
lose Prädikatsform gebraucht, wenn im Nebensatz ein 
Participersatz vorkommt; dann aber wird beständig das 
eigentliche Particip verwandt und zwar hinter dem 
obliquen Infinitiv: 

Wenn er das schreiben gekonnt, ist er ein tüchtiger 
Mann. 

48. Führen wir einige Beispiele dieser Art aus der 
neueren Litteratur an. 

Chamisso, Schlemihl (Ausgabe in Paul Heyses No- 
vellenschatz p. 713): Dafs nachher, me er mich nicht 
finden gekonnt 

Jensen, Hunnenblut (Ausg. in Reclams Univers.-Bibl. 
p. 41 9) : Wenn er mich verstanden und mir darauf ant- 
worten gekonnt 

BiCHAED Voss, Der Mönch von Berchtesgaden (Engel- 
horns Komanbibliothek p. 49 6): TJnd da mich niemand 
segnen gewollt, so haben sie mich gesegnet 

Metnhold, Bernsteinheoce (Reclams TJniv.-B. p. 596): 
Dafs auch weder die Sehe noch das Achterwasser etwas 
hergeben gewollt 

Ders. p. 139 5: So mich anfänglich nicht mitnehmen 
gewollt [Fernere Beispiele p. 56 ^ 78»']. 

Franz Hoffmann, Neuer deutscher Jugendfreund 
(48ster Band p. 86821): Das was er sagen gewollt, sank 
mit ihm ins Grab. 

Gottschall, Verräter (Reclams Univ.-Bibl. p. 28^): 
Nachdem er Helene sich zu einem so unfreundlichen Spa- 
ziergang anschicken gesehen. 



— 62 — 

Bkachvogel, Der deutsche Michael (Berlin, Otto Janke; 
p. 963): Der seinem Schutz]^atron folgen gewollt — 

Der Gebrauch des Participersatzes hat also 
im Deutschen gegen früher an Häufigkeit nicht 
wenig abgenommen. 

49. Noch eine Schwierigkeit werde hier berührt. 
Hat ein Nebensatz verschiedene Prädikate zusammen- 
gesetzter Form in demselben Tempus, so gilt als Regel, 
dafs das Verbum Finitum nur hinter dem letzten Particip 
des Prädikates steht, so dafs die ersten Prädikate ohne 
Hülfsverb gebildet sind. Ein Beispiel dieser Art ist das 
folgende: (Meissner, Sldzzen, Erste und zweite Samm- 
lung p. 226, unter No. 11): 

Man rühmte die Tapferkeit eines Kriegers, der viel 

männliche Thaten gethan, sich grofsen Ruhm in Feld- 

schlachten erworhen und manchem Feind obgesiegt hatte. 

a) Haben alle diese Prädikate einen und denselben 

Ersatz, so könnte das folgende Beispiel wohl zum Muster 

dienen : 

Dafs die alte Dame diese strengen Grundsätze hatte 
durchführen und dahei nicht nur ihr Geschäft im Gange 
erhaltest, sondern auch noch zur Wohlhabenheit gelangen 
Tiönnen, (R. Schmidt, Erzählungen, Reclams Univ.- 
Bibl. p. 69 13). 
Doch müssen wir gestehen, dafs diese Konstruktion 
für uns etwas Gezwungenes an sich hat; denn hatte ist 
hier von seinem zugehörigen Ersatz durch 16 "Wörter 
getrennt und wirkt am Ende des Satzes nicht mehr stark 
genug, um Form und Bedeutung der zwei letzten Wörter 
sofort erfassen zu lassen. Aber wie anders? Den ein- 
zigen Ausweg aus dieser Schwierigkeit finden wir in der 
Anwendung der Ausdrücke möglich sein, vermögen oder 
imstande sein statt können. 



— 63 — 

Mit Anwendung dieses lautet der Satz: 

Dafs es der alten Dame möglich gewesen tvar, diese 
strengen Grundsätze durchzuführen, etc.: 

eine Ausdrucksweise, die sich von der ersteren ohne 
Zweifel durch Wohllaut und Deutlichkeit vorteilhaft 
unterscheidet. 

b) Haben die einzelnen Prädikate Ersätze verschie- 
dener Form, so ist es wohl das Geratenste, alle Prädi- 
kate unverkürzt auszudrücken: 

Dafs die Dame diese strengen Grundsätze hatte 
durclführen sollen und dabei doch noch ihr Geschäft im 
Gange hatte erhalten müssen und trotzdem noch zur 
Wohlhabenheit hatte gelangen können, war 

Ganz unanstöfsig ist diese Form indessen nicht. Die 
Ersätze liefsen sich dann auch wohl aufheben und das 
Yerbum Finitum könnte am Ende bei allen Prädikaten 
wegfallen. Jedoch auch so kommen wir nicht zu einer 
mustergültigen Ausdrucksweise. Vielleicht empfähle es 
sich, den Ersatz des zweiten Prädikates durch genötigt 
sein, gezwungen sein, obliegen und Ahnliches zu um- 
schreiben; der erste und dritte Ersatz rücken dadurch 
so weit aus einander, dafs volle Prädikatsformen bei ihnen 
weiter nicht mehr auffallen dürften. 

c) Dies würde uns dann zu der dritten Möglichkeit 
führen, dafs nämlich nur in einigen der vorhandenen 
Prädikate Ersätze vorkommen. Sind drei Prädikate vor- 
handen, wie hier immer angenommen worden ist, und 
steht das ersatzlose Prädikat zwischen den beiden ersatz- 
haften, dann können wohl, ohne dafs es Anstofs erregt, 
alle Prädikate ihre vollen Formen haben: 

Ur habe einen Generalarzt gekannt, der Tausende am 
Äbsynth habe zu Grunde gehen sehen, hundert Mal über 



^ u ^ 

den Fluch des Ähsynths gesprochen habe und doch selbst 
nicht davon habe lassen können, 
(von Seefeld, Im Fluge durchs alte romantische Land; 
Eeclams Univers.-BibL p. 32 i. Der Verfasser läfst beim 
dritten Prädikat das hohe ganz unnötiger Weise weg.) 

Wenn man dann noch etwa das letzte Prädikat mit 
der Phrase anstände sein umschriebe, dann würde der 
Satz gewifs an Wohllaut und Deutlichkeit nichts zu 
wünschen übrig lassen. Die modalen Hülfszeitwörter ge- 
statten eben stets irgend eine Umschreibung und es ist 
daher gar nicht so mühsam, die Schwierigkeit, welche 
irgend ein Ersatz bietet, auf die eine oder andere Art 
zu umgehen. 

(Können = imstande sein; in der Lage sein; ver- 
mögen; müssen = gezwungen sein; genötigt sein: sollen 
= den Auftrag haben; obliegen + Dativ; ersudit, gebeten 
worden sein; wollen = vorhaben; wünschen; beabsichtigen; 
dürfen == die Erlaubnis haben; gestattet sein; erlaubt sein 
+ Dativ; mögen = geneigt sein.) 

d) Hat von den drei Prädikaten nur eines den Ersatz 
und steht dies an erster oder letzter Stelle, dann kann 
es unbekümmert um die beiden anderen seine volle Form 
erhalten; steht es an zweiter Stelle, dann wird der Ersatz 
am besten wohl aufgehoben und das Ganze behandelt 
nach dem folgenden Vorbilde: 

Man erinnert sich an 1848, wo Bismarck denphaetoni' 

sehen Flug der Kaiserpolitik verspottet, die grofsen 

Städte von der Erde vertilgen gewollt und gehofft hatte, 

das Narrenschiff der Zeit am Felsen der Kirche scheitern 

zu sehen. (Hannövbischee Coueiee, August 1887). 

51. Sollten vier oder mehr Prädikate in dieser Art 

zusammentreten, so lassen sie sich stets nach denselben 

Gesichtspunkten behandeln. 



— 65 — 

Auch bei zwei Prädikaten lassen sich mit Hülfe der- 
selben etwaige Schwierigkeiten leicht beseitigen. — 

Ist die einleitende Konjunktion wenn oder dafs, so 
läfst sich die Schwierigkeit aber auch vermeiden, indem 
man die Konjunktion ausläfst und dem Nebensatz die 
Form des Hauptsatzes giebt: 

JEr wäre mit hinzugetreten zum Altar, hätte er allein 
dem Verlangen seines Herzens folgen wollen und sich 
nicht von der Überlegung zurückhalten lassen. Biee- 
NATZKi, Der braune Knabe, (Meyers Volksbücher No. 
513—517) p. 21513. 

III. 

Die im Vorstehenden behandelte Eigentümlichkeit in 
der Bildung der Perfektformen einiger Zeitwörter kehrt 
nun auch wieder bei der Bildung des Infinitivs Perfecti 
derselben, wenn von diesen wieder ein obliquer Infinitiv 
abhängt. 

Sagt man z. B. 

Ich glaube es zu liönnen, 
ferner 

Ich glaube es gekonnt zu haben etc., 
wie hat man sich dann auszudrücken, wenn gekonnt haben 
den obliquen Infinitiv thun bei sich hat? 
Sagt man 

Ich glaube es thun gekonnt zu haben, 
und ferner 

Er scheint^ es sagen gemufst zu haben, 
oder 

Er behauptet, es thun gesollt zu haben? 
2. Alle diese Formen muten einen seltsam an; denn, 
wenn wir dem Verbum finitum statt des durch die In- 

5 



— 66 — 

finitive ausgedrückten Objektes einen Kasussatz als Ob- 
jekt geben: 

Ich glavhe, dafs ich es habe thun können; 

Es scheint^ dafs er es hat sagen müssen; 

Er behauptet, dafs er es hat thun sollen; 
so tritt überall der Participersatz ein, wie vorhin aus 
einander gesetzt, und der denselben herbeiführende oblique 
Infinitiv steht auch oben. 

3. Ohne Zweifel wird man sagen 

Er ivill es haben thun dürfen; 
Er mufs es haben sehen können; 
Er soll es haben nehmen müssen; 
Er mag es haben sagen woUen etc., 
und auch Personen, die brauchen noch ohne zu konstru- 
ieren, werden sich keinen Augenblick besinnen, um zu sagen 
Er braucht es nicht haben sagen wollen. 
(Hier ein Beispiel für brauchen ohne 2:u: 

Dafs ferner die Versprechen nicht gehalten werden 

brauchen. 

OsTBKWALD, Dcutsche Übersetzung von Ciceros Pflich' 

ten p. 14 21. [In der deutschen "Übersetzung, die in Re- 

clams Univ.-Bibl. herausgekommen ist, steht an dieser 

Stelle: 

Dafs man diejenigen Versprechen nicht zu halten 
braucht].) 

4. Aber wie in den andern Fällen? Tritt das zu 
mit seinem haben vor den obliquen Infinitiv? 

Ich glaube, es zu haben thun können; 

Er braucht es nicht zu hohen thun woUen? 
Dies wäre jedenfalls richtig, aber imerhört. Keiner 
spricht so. Keiner schreibt so. Dafs diese Form aber 
theoretisch gar nicht zu beanstanden ist, beweist das 
Niederländische. Euer heifst es in der That: 



— 67 — 

Ik gehof het te hehhen ku7inen doen; 
Hij behobt het niet te hebben willen doen. 
6. Was hier im Deutschen in Wirklichkeit gesagt und 
geschrieben wird, ist eine verkehrte Form: 

Ich glaube es haben thim zu können; 
Er braiccht es nicht haben thun zu wollen. 
Verkehrt ist diese Form, denn hier tritt zu vor ein 
Wort, das der Bedeutung nach doch immerhin ein Particip 
geblieben ist; und wie verträgt sich ein zu, das nicht 
verstärkendes Adverb ist (: zu verkehrt, ioo absurd) mit 
einem Particip? 

6. Was die verkehrte Stellung des zu veranlafst hat, 
ist offenbar. Sehr häufig steht zu in Sätzen me der 
folgende: 

Er behauptet es thun zu wolle?!; 
Er scheint es thun zu dürfen] 
Er scheint den Brief geschriebefn haben zu können. 
Hier steht zu immer vor dem letzten Worte des Satzes, 
und diese Stellung drängt sich dann leicht dem Sprach- 
gefühl, ohne dafs man dessen bewufst würde, als Regel 
auf, und erscheint dann auch in Fällen, "wie die obigen: 
wenn man ohne kritische Zerlegung des Gesagten über 
dem Gedanken die Form vergifst. 

7. Wie soll sich nun die Grammatik zu diesen Formen 
stellen? Hat sie nur die Aufgabe die Sprache zu be- 
obachten, wie die Natui^geschichte das Pflanzen- und Tier- 
reich, und den einfachen Thatbestand festzustellen, um 
Schwankenden und Zweifelnden nur sagen zu können: So 
haben in den und den Fällen andere vor dir gesprochen, 
also kannst du es eben so thun? Oder hat sie auch zu 
untersuchen, ob der sprachliche Thatbestand vor dem 
Verstände in irgend einer Weise nicht nur zu ent- 
schuldigen, sondern auch zu rechtfertigen ist? 

5* 



— 68 — 

Wir glauben dies letztere ganz entschieden. 

Der Grammatik kommt eine höhere Würde zu, als die 
eines blofsen Beobachters und Berichterstatters. Ihre erste 
Aufgabe ist es allerdings, das ganze vorhandene Formen- 
material der Sprache festzustellen. Dann aber ist es 
ihre Pflicht, kritisch zu untersuchen und Widersinniges 
als durchaus Unberechtigtes ohne Nachsicht zu ver- 
urteilen. Bei schwankendem Sprachgebrauch soll sie sich 
nicht zum Sklaven von Mehrheiten erniedrigen. Sie soll 
ein weiser Richter über Mehrheit und Minderheit sein 
imd dadurch so viel als möglich verhüten, dafs die blinde 
Menge, die allerhand guten und schlechten Einflüssen 
ausgesetzt ist, Gutes verkümmern und Schlechtes üppig 
emporwuchern läfst. Sie soll unnötige mid schlechte 
fremde Bestandteile aus der Sprache verbannen und soll 
die vorhandenen Ausdrucksmittel pflegen und so viel an 
ihr ist, nicht vernachlässigen lassen. 

8. Folglich möchten wir auch hier eine bestimmte 
Verhaltungsmiifsregel geben. Wir können dies, denn die 
Form hat sich noch nicht eingebürgert und ist erst jetzt 
im Entstehen begriften. 

Dafs ein rw, welches nicht verstärkendes Adverb ist 

(izu reifend, zu gelungen), 
vor einem Participium Perfecti steht, ist widersinnig, selbst 
wenn dieses nur in der Form des Ersatzes auftritt. Also 
bilde man die oben erwähnten Formen nicht 
nach. Den Participersatz aufzuheben, widerstreitet der 
ausgesprochenen Vorliebe für denselben hinter obliquem 
Infinitiv. Also bilde man Formen mit eigent- 
lichem Particip auch nicht. Man bediene sich viel- 
mehr in Sätzen wie die besprochenen des vollständigen 
Kasussatzos. Die Möglichkeit zur Bildung desselben ist 
stets vorhanden. 



— 69 — 

Oder man umschreibe das modale Hülfsverb, oder 
verwandle die Satzkonstruktion auf andere Art. 

9. Freilich kommen wir dann zu einer Anomalie. 
Danach hat man eben zu sagen: 

Er glaubt, das thun zu können] 
aber: 

Er glatibtj er habe das thun können. 

1 0. Doch- ist diese als solche nicht ohne weiteres zu 
verurteilen, da die Sprache jederzeit voll von solchen 
Anomalieen ist. Heifst es doch auch beim Infinitiv Futuri 
nur unverkürzt: 

Er glaubt, er werde das thun können. 
Und ähnlich ist es wohl möglich zu sagen 

Ich sehe ihn arbeiten, 
aber nicht 

Ich sehe ihn arbeiten können; 
ferner die Mauern Kölns, aber nicht die Mauern Paris \ 
obig aber nicht untig\ übertreiben aber nicht unter- 
treiben etc. etc. 

11. Die Belege für die besprochene fehlerhafte Form, 
die wir haben finden können, seien hier sämtlich auf- 
geführt: 

1) Warum sollte Seneca notwendig ein Christ sein, 
um so manches wahre, schöne Wort haben schreiben zu können. 
(Ausgewählte Schriften des Philosophen L. A. Seneca. 
Reclams Univ.-Bibl. No. 1847—49, Seite 8i8, der Ein- 
leitung.) 

2) Ich erinnere midi, eitlen Beisenden das eigentümliche 
Entsetzen haben schildern zu hören ^ welches er beim An- 
blick eines gewaltigen Eichbaumes emjfaiid. (Feeiligbath, 
Ges. Dichtungen, 5te Aufl., öterBand; Stuttgart, Göschen, 
1886, p. 67 12.) 



— 70 — 

3) Wir rechnen es dem Verfasser zum Verdienst an, 
nicht mehr haben bestimmen zu wollen. („Göttinger Oel. 
Anzeigen", 1822; 806 [angeführt in Keheetn p. 213.]) 

4) Jedes Verhiim Comjp. scheint die Eeduplication haben 
wegtverfen zu können. (Steuye, Über Dekl, u. Konj. 
p. 161 [angeführt in Keheein, p. 213]). 

Und endlich auch ein richtiges niederländisches 
Beispiel: 

„Aan de voorbereiding daarvan te hebhen mögen mede- 
werken, is mij een zeer groot voorrecht" (Hugenholtz, 
Het JParlement der Oodsdiensten. Rotterdam 1893; 
[12. XII. 1893. Vorrede.] 

12. Dafs es ziemlich leicht ist, den besprochenen 
Fehler zu vermeiden, ergiebt sich aus den folgenden Ver- 
besserungen, die wir in den citierten Stellen anbringen: 

1) Weshalb sollte Seneca notwendig ein Christ sein, 
um es erklärlich zu machen, dafs er so manches wahre, 
schöne Wort hat schreiben können. 

Oder: Wird es denn nur dann begreiflich, dafs Seneca 
so manches wahre, schöne Wort hat schreiben können, wenn 
er ein Christ war? 

2) Ich erinnere mich, dafs ich einen Reisenden das 
eigentümliche Entsetzen habe schildern hören, welches er 
beim Anblick eines gewaltigen Eichbaumes empfand. — 

Oder: Ich erinnere mich gehört zu haben, wie {dafs) 
ein Reisender das eigentümliche Entsetzen beschrieb, welches 
er beim Anblick eines gewaltigen Eichbaumes empfand. 

3) Wir rechnen es dem Verfasser zum Verdienst an, dafs 
er nicht mehr hat bestimmen wollen. — 

Oder: Wir rechnen es dem Verfasser zum Verdienst 
an, dafs er es verschmäht hat, mehr zu bestimmen, 

. 4) Es scheint, dafs jedes Verbum Comp, die Redupli* 
cation hat wegtverfen können. — 



- 71 — 

Oder: Jedes Verbum Com}), scheint imstande gewesen 
zu sein, die Bedujüication wegzuwerfen. 

13. Es will uns überhaupt im Hinblick auf den letzten 
Satz bedünken, dafs die Syntax wohl daran thue, in die 
Lehre vom Gebrauch der Modalhülfszeitwörter den Grund- 
satz aufzunehmen: „B^i etwaigen Schwierigkeiten 
in der Konstruktion bediene man sich statt des 
modalen Hülfszeitwortes einer gleichbedeuten- 
den Redensart." 

Wenn das Englische dies thut, das sich allerdings 
mit seinen Modalhülfszeitwörtern in geradezu trostloser 
Lage befindet, warum kann das Deutsche es in be- 
schränktem Mafse nicht auch thun? Wenn man im 
Anschlüsse an das englische He seems to have heen äble 
to do it harmlos sagt JEJr scheint imstande gewesen zu 
sein, es zu thun, warum drückt man sich nicht auch so 
aus, wo der Anschlufs an das Englische nicht vorliegt, 
wo man diesen oder einen ähnlichen Gedanken selb- 
ständig in Worte zu kleiden hat? 

Warum mufs es denn im hartnäckigen Anschlufs an 
das französische Le desir d'avoir pu faire cela nur mit 
Gewalt heifsen Der Wunsch, das thun gekoyint zu haben?? 

Man wählt diese Konstruktionen nur, weil man sich 
der Ausdrucksmittel der Sprache nicht bewufst ist und 
nicht darüber belehrt wird, weil man mit Wesen und 
Eigenart derselben nicht bekannt ist. 

[Können wurde früher überhaupt gern durch ver- 
mögend sein umschrieben, besonders wo Perfektformen 
im Spiele waren.] 

14. Auf recht bemerkenswerte Art sucht sich der 
bekannte BEUGSCH-Pascha aus der sich ihm bietenden 
Verlegenheit zu retten. Er sagt (Aus dem Morgenlande; 
Leipzig, 1891; Reclams TJniv.-Bibl. No. 3151—52, p. 37 8) 



— 72 — 

Es war ein Schüler^ der das Zeitliche gesegnet hatte, 
ohne seine Studien volletidet haben zu können. 

Er meint : . . der das Zeitliche gesegnet hatte, ohne dafs 
er seine Studien hätte vollenden können = who had shut 
his eyes for ever without having heen äble to finish his 
studies. Das Eigentümliche seiner Wendung besteht 
darin, dafs er den Perfektbegriff aus dem modalen 
Hülfsverb, das ihm Schwierigkeiten bot, in den obliquen 
Infinitiv verlegte : und dies ist weiter nichts als ein 
Nachwehen des mittelhochdeutschen Sprach- 
geistes. 

Andere Beispiele dieser Art sind uns nicht zu Gesicht 
gekommen. 

Es bedarf natürlich kaum der besonderen Erwähnung, 
dafs diese Ausdrucksart mit dem Wesen der heutigen 
Sprache nicht mehr in Übereinstimmung ist und also 
keine Nachahmung verdient. 



15. Es läfst sich nicht leugnen, dafs das Nieder- 
ländische in der konsequenten und richtigen Ausbildung 
aller dieser Sprachformen dem Deutschen nicht un- 
wesentlich voraus ist. 



IV. 

1. Fragen wir uns nun, welche Zeitwörter sind es, 
die den Ersatz zulassen. 

2. Zur Beantwortung dieser Frage möchten wir die 
folgende Regel geben. 

3. Von den Zeitwörtern, die noch stets ausschliefslich 
mit reinem Infinitiv verbunden werden: 



— 73 — 

a) die modalen Hülfszeitwörter; 

ß) gehen, Hleihen, machen ] 

Y) hören, sehen, fühlen 
verwenden die modalen Hülfszeitwörter im einfachen, 
erzählenden Hauptsatze und im Nebensatz den Particip- 
ersatz fast ausnahmslos : die Anwendung des eigentlichen 
Particips ist bei ihnen heute nur sehr selten. Die meisten 
Ausnahmen weist noch lassen auf. Kommt bei den übrigen 
Hülfszeitwörtern das reine Particip vielleicht nur in 1% 
der Fälle vor, dann dürfte sich dies bei lassen doch 
wenigstens auf 10% steigern. Dazu mag vielleicht der 
Umstand beitragen, dafs lassen auch ein Passiv gestattet, 
welches den Participersatz nie entwickelt hat, die übrigen 
aber nicht. Käheres bei der Sonderbehandlung von lassen. 

Bei sehen und hören ist das eigentliche Particip heute 
wohl im grofsen Ganzen eben so gebräuchlich, wie der 
Ersatz. Doch neigt man in all erjüngster Zeit vielleicht 
etwas mehr dem Particip zu, besonders bei hören. Be- 
züglich der AVahl des einen oder des andern kommen 
bei demselben Schriftsteller oft grofse Schwankungen 
vor. Dabei fällt es sehr auf, dafs die beiden Zeitwörter, 
wenn sie zufällig in nicht geringer Entfernung von ein- 
ander vorkommen, sogar in demselben Satze, nicht 
gleichmäfsig behandelt werden, indem sehen mit dem 
Ersatz, hören aber mit dem Particip konstruiert wird. 
Aus stilistischen Rücksichten wird man dieses wohl zu 
verurteilen haben. Entweder beide mit, oder beide ohne 
Ersatz: das sei die Eegel. 

Bei machen wird das Particip stark bevorzugt. 

Mit fühlen aber ist es eigentümlich gestellt. Kein 
Grammatiker*) beanstandet den Ersatz; ja^ eine ganze 



^) Nur Otto nimmt fühlen namentlich aus. 



— 74 — 

Eeihe schreibt ihn sogar vor. Aber auch kein einziger, 
der imstande gewesen wäre, den Ersatz auch nur mit 
einem Beispiele aus irgend einem Schriftsteller zu belegen. 
Wir selbst haben auch nur einen Beleg mit Particip, 
keinen mit Ersatz gefunden; und denErsatz beanstanden 
möchten wir doch ebenfalls nicht. Woran liegt das nun? 
Mit reinem Infinitiv ist fühlen häufig genug belegbar; 
aber warum verbergen sich denn nun die Perfektformen 
so beharrlich? Wir vermögen eine Antwort darauf nicht 
zu geben. 

Bei gehen und bleiben endlich ist das Particip noch 
allein gebräuchlich; vielleicht weil sie in ihren Ver- 
bindungen mit einem reinen Infinitiv ihre Perfektformen 
nur mit sein bilden, was an Passivformen erinnern dürfte. 

4. Hat das Prädikatsverbum einen obliquen Infinitiv 
mit zto bei sich, (anfangen, atifliören, vermögen, bedürfen, 
wissen u. s. w.), so ersetzt es in seinen aktiven Perfekt- 
formen das Particip nie durch den Infinitiv. 

Nur brauchen, das hin und wieder noch ohne zu kon- 
struiert wird, schwankt und scheint den Ersatz sogar zu 
bevorzugen; während wissen, pflegen und suchen, die nach 
glaubhaften Zeugnissen und einzelnen thatsächlich be- 
schaffbaren Belegen früher den Ersatz auch wohl zuliefsen 
(wie er ja im Niederländischen bei den entsprechenden 
Zeitwörtern weten, plegen, trachten, heute ja [noch oder 
schon?] Regel ist) jetzt ausschliefslich regelmäfsig 
konstruiert werden. 

5. Hat ein Zeitwort eine doppelte Konstruktion, d. h. 
gestattet es einen Infinitiv bald mit, bald ohne ^S'w, so 
ist die Behandlung der Perfektformen auch eine doppelte: 

a) hat der oblique Infinitiv zu nicht bei sich, so ist 
der Ersatz gestattet (nicht geboten!); 



— 75 — 

b) hat der oblique Infinitiv zu bei sich, so hat man 
zwei Fälle zu unterscheiden: 

a) der oblique Infinitiv hat mehrere Objekte oder 

adverbiale Bestimmungen bei sich, dann tritt das 

Verbum Regens vor den obliquen Infinitiv und 
läfst den Ersatz nie zu; 

j3) der oblique Infinitiv hat entweder keine oder nur 
sehr wenige Objekte resp. andei'weitige Bestimmungen 
bei sich und er tritt dann in Haupt- und Nebensatz an 
die gewöhnliche Stelle der Erweiterungen und Be- 
stimmungen des Prädikates, d. h. hier vor das Verbum 
Finitum, dort zwischen Verbum Finitum und „Verbum 
stabile" (unflektierten Prädikatsteil): so schwankt der 
Sprachgebrauch in der Bildung der Perfekt- 
formen zwischen eigentlichem Particip und Er- 
satz, bevorzugt aber im Ganzen genommen jenes 
ziemlich stark. 

Die Zeitwörter, die unter diese Regel fallen sind 
lernen^ lehren^ helfen, lieifsen. 

Ausführlicheres über diese Zeitwörter bei der Sonder- 
behandlung derselben. 

6. Einige der Zeitwörter, welche den Ersatz fordern, 
oder zulassen, kommen auch in Zusammensetzungen vor, 
oder in Redensarten, die den Wert von Zusammensetzungen 
haben z. B. 

vermögen, hedürfen, veranlassen, nicht umhin können, 
fort müssen, u. s. w.; 

dann aber lassen sie den Ersatz nie zu: als V^erba mit 
einem obliquen Infinitiv + zu. (Doch ist vermögen mit 
vereinzeltem Ersatz belegbar.) 



— 76 — 



V. 

Das Vorstehende wünschen wir nun noch etwas näher 
zu begründen und zu erweitern durch eine etwas aus- 
führlichere Stoflfangabe zu den einzelnen Zeitwörtern. 

Ehe wir den Stoff aber mitteileu, ist es ratsam, die 
Ausgaben zu bezeichnen, denen die citierten Stellen ent- 
nommen sind. 

1. Abderiten.*) Wielands Werke. Herausgegeben von Hein- 
rich Kurz. Leipzig, Bibliographisches Institut. Dritter 
Hand. (Jahr der Veröffentlichung nicht angegeben.) 

2. Abbaham (Alle). Des Paters Abraham a Santa Clara 
„Etwas für Alle etc." Halle a. d. S., Otto Hendel. Biblio- 
thek der Gesamt-Litteratur des In- und Auslandes No. 376, 

377. (Jahr der Veröffentlichung fehlt.) 

3. Abraham (Wien). Merks Wien. Von Abraham a Santa 
Clara. Bearbeitet und herausgegeben von Th. Ebner. 
Leipzig 1884, Reclam, Universal-Bibliothek No. 1949 — 50. 

4. Alberüs. Die Fabeln des Erasmus Alberus. Abdruck 
der Ausgabe von 1550. Herausgegeben von "Wilhelm 
Braune. Halle a. d. S., Max Niemeyer, 1892. 

5. Allioli. Die heiUge Schrift des alten und neuen Testamentes. 

• • 

Übersetzt von Dr. Joseph Franz Allioli. 4te Aufl. Lands- 
hut 1839, Johann Palm. 

6. Arexz - Clümpeb. Deutsche Musterlese für den Schul- 
gebrauch und zur Selbstbelehrung. Bearbeitet von Karl 
Arenz und K, Th. Clümper. Mastricht 1851. 

7. Banise. Herrn Heinrich Anshelm von Zigler und Klip- 
hausen Asiatische Banise, oder blutiges doch mutiges Pegu. 
Leipzig 1738, Chr. Gottfried Eckhart. 

8. Becker (Sophie). Yor hundert Jahren. Elise von der 
Reckes Reisen durch Deutschland 1784 — 86. Nach dem 



*) Kurze Bezeichnung des Werkes bei jeder daraus entnom- 
menen Belegstelle. 



— 77 — 

Tagebuch ihrer Begleiterin Sophie Becker. Herausgegeben 
und eingeleitet von G-. Karo und M. Geyer. StuttgaH, 
!M. Spemann. (Collektion Spemann No. 61.) 

9. Belot. Der Fall Calon. Kriminalroman von Adolphe 
Belot. Autorisierte Übersetzung von Aithur Roehl. Leipzig, 
Reclam, Univ.-Bibl. No. 3086-87. 

10. Berges. Amerikana. Humoristische Skizzen aus dem 
amerikanischen Leben von Philipp Berges. Leipzig, Beclam. 
Erstes Bändchen No. 2508. Zweites Bändchen No. 2698. 
Drittes Bändchen No. 2829. Viertes Bändchen No. 3175. 

11. Bibel-Brockhaüs. Die heilige Schrift. Zweiter T.eil, ge- 
nannt Neues Testament. Aus dem Urtext übersetzt. 4te 

Durchgesehene Aufl. C. Brockhaus, Elberfeld, Baustrafse 52. 
(Kamen der Übersetzer nirgend ersichtlich.) 

12. Bis:marck (Cronbach). Fürst Bismarcks gesammelte Beden. 
Berhn 1894, Siegfried Cronbach, 

13. BiSMAECK (Meyer). Fürst Bismarcks Beden. Ausgewälilt 
und erläutert von Friedrich Purlitz, Leipzig, Bibliogra- 
phisches Institut. (Meyers Volksbücher: 807—810.) 

14. Bis:\LA.iiCK (Spemann). Fürst Bismarck als Bedner. Voll- 
ständige Sammlung der parlamentarischen Keden Bismarcks. 
Sachlich geordnet von AV. Böhm. Berlin u. Stuttgart, 
"W. Spemann. (CoUektion Spemann No. 81, 279, 288.) 

15. BoTSTiBEK. Tagebuch eines bösen Buben. Aus dem 
Englischen von J. Botstiber. Leipzig, Beclam. (Universal- 
Bibliothek No. 3149, 3150.) 

16. Beachyogel. Der deutsche Michael. Historischer Boman 
von A. E. Brachvogel. Dritte Auflage. Berlin, 1895, 
Otto Janke. 

17. Brentano. Heitere Gescliichten von Fritz Brentano. Leipzig, 
Heclam, Universal-Bibliothek: verschiedene Bändchen. 

18. Brugsch. Aus dem IVIorgenlande. Altes und Neues von 
Prof. Dr. H. Brugsch-Pascha. Leipzig (1891), Ph. Beclam. 
Universal-Bibliothek No. 3131—32. 

19. BüiiAU. Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen. 
Sammlung verborgener und vergessener Merkwürdigkeiten. 



— 78 — 

Herausgegeben von Bülau. Leipzig, Ph. ßeclam. TJni- 
versal-Bibliothek: verschiedene Bändchen. (Neudnick der 
ersten Ausgaben vom Jahre 1850.) 

20. Canitz. Des Freiherm von Canitz Gedichte. Von Johann 
Ulrich König. Leipzig und Berlin, 1727, bey Ambrosius 
Hauden. 

21. Cato. Joh. ein*. Gottscheds Sterbender Cato. Nach der 
ältesten Ausgabe von 1732. Herausgegeben und einge- 
leitet von Otto F. Lachmann. Leipzig, Ph. E-eclam. Univ.- 
Bibl. No. 2097. 

• • 

22. CiCEBO. Ciceros drei Bücher über die Pflichten. Über- 
setzt von Friedrich Bichter, Leipzig, Ph. Beclam. Uni- 
versal-Bibhothek No. 1889—90. 

23. CiCEKO (Osterwald). Marcus Tullius Ciceros Drei Bücher 
Über die Pflichten. Deutsch von Wilhelm Osterwald. 
Leipzig, F. E. C. Leuckart 1874. 

24. Danatde. Die Danaide von Ernst von Wildenbruch. 
[Berlin 1885.] Paul Heyses Novellenschatz, Band 14. 
Leipzig u. München, B. Oldenbourg, 188G. 

25. Darwins Reise. Tagebuch von Ch. Darwin. Mit einer 
Einleitung und Anmerkungen von Dr. A. Kirchhoff". Halle 
a. d. S., Otto Hendel (1893.) 

26. Dialoge. Vier Dialoge von Hans Sachs. Herausgegeben 
von Beinhold Köhler. "Weimar, Hermann Böhlau, 1858. 

27. DoEENE. Die Ergebnisse der neueren alttestamentlichen 
Forschungen und ihre Bedeutung für die Kirche von Fried- 
rich Doerne. Leipzig, Fr. "W. Grunow, 1894. 

28. Dbamatubgie. Hamburgische Dramaturgie von G-otthold 
Ephraim Lessing. Halle a. d. S., Otto Hendel. 

29. Eberhard. Hannchen und die Küchlein. Von A. G. Eber- 
hard. Halle a. d. S., Otto Hendel. 

30. Ebers. Die Nilbraut. Boman von Georg Ebers, Deutsche 
Library. New-York, George Munroe, Band 10, erste und 
zweite Hälfte. 

31. Engel. Herr Lorenz Stark. Ein Charaktergemälde von 
J. J. Engel. Halle a. d. S., Otto Hendel. (Neudruck der 
Ausgabe von 1801). 



— 79 — 

32. Ekckmann-Chatrian (Hendel). Geschichte eines Rekruten 
von anno 1813 von Erckmann-Chatrian. Deutsch von 
Dr. Hallbauer. Halle a. d. S., Otto Hendel. 

33. Eeckmann-Chatkian (Meyer). Erlebnisse eines Rekruten 
von 1813. Erzählung von Erckmann-Chatrian. Aus dem 
Französischen übertragen von K. Schade. Leipzig, Biblio- 
graphisches Institut. Meyers Volksbücher, No. 817 — 819. 

34. Erckmann-Chatrian (Reclam). Geschichte eines 1813 Con- 
scribierten. Erzählung von Erckmann-Chatrian. Aus dem 
Französischen übersetzt und bevorwortet von Robert Habs. 
Leipzig, Reclara, Univ.-Bibl. No. 1459—60. 

35. Erznarren. Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen 
"Welt. Roman von Christian "Weise. - Abdruck der Aus- 
gabe von 1673. Halle a. d. S., Max. Niemeyer, 1878. 

36. V. Ess. Die Familien-Bibel, oder die ganze Heilige 
Schrift alten und neuen Testaments, übersetzt und neu 
revidiert von Dr. Leander van Ess. Eine Prachtausgabe 
mit 40 Stahlstichen. Hildburghausen, Bibliographisches 
Institut, 1838. 

37. EüLENSPiEGEL. Das Volksbuch von Till Eulenspiegel. 
Nach der ältesten Ausgabe von 1519 erneuert von Karl 
Pannier. Leipzig, Ph. Reclam. Univ.-Bibl. No. 1687—88. 

38. Franzos. Die Hexe. Novelle von Karl Emil Franzos. 
Sechste Auflage. Leipzig, Ph. Reclam. Univ.-Bibl. No. 
1280. 

39. Freiland. Eine Reise nach Freiland. Von Theodor 
Hertzka. Leipzig, Ph. Reclam. Univ.-Bibl. No. 3061 — 62. 

40. GoBiNEAU. Asiatische Novellen vom Grafen Gobineau. 
Deutsch von Ludwig Schemann. Leipzig, Ph. Reclam. 
Univ.-Bibl. 3103—4 (veröffentlicht 1893). 

41. GoEDEKE. Goethes Leben von Karl Goedeke. Supple- 
ment zu den "Werken des Dichters. Stuttgart, Cotta- 
Kröner. (Bibhothek der "Welthtteratur, Band 50). 

42. Goldener Spiegel. "Wielands Werke, herausgegeben von 
Heinrich Kurz. Leipzig, Bibhographisches Institut. 2ter 
Band. 



— 80 — 

43. Gottschall. Der Verräter, von E. von Gottschall. Leipzig, 
Ph. Eeclara. Üniv.-Bibl. No. 2570 (Juni 1889). 

44. Geimm. Fünfzig Kinder- und Hausmärchen, gesammelt 
durch die Brüder Grimm. Kleine Ausgabe. Leipzig, Ph. 
Eeclam. TJniv.-Bibl. No. 3179—80. 

45. Groxer. Zwei Kriminalnovellen von A. Groner, Leipzig, 
Ph. Eeclam. Univ.-Bibl. No. 3157. 

46. Hauff. Der Mann im Mond, nebst Kontroverspredigt, von 
Wilhelm Hauff. Leipzig, Bibliographisches Institut (Meyers 
Volksbücher No. 415—17). 

47. Hauff. (Hendel). Gedichte und Skizzen von Wilhelm 
Hauff. Halle a. d. S., Otto Hendel. 

48. Hausvater. Der Hausvater. Ein Schauspiel in fünf Auf- 
zügen von Diderot. Aus dem Französischen übersetzt von 
G-. E. Lessing. Leipzig, Ph. Eeclam. Univ.-Bibl. No. 2336. 

49. Herder. TJber den Ursprung der Sprache. Von J. G-. 
von Herder. Leipzig, Bibliographisches Institut (Meyers 
Volksbücher No. 321-22). 

50. Heyse, Zwei Gefangene. Novelle von Paul Heyse. Leip- 
zig, Ph. Eeclam. Univ.-Bibl. No. 1000. 

51. Hoffmanns Jugendfreund. Franz Hoffmanns neuer deut- 
scher Jugendfreund für Unterhaltung und Veredelung der 
Jugend, 48ster Band (1894 (?) erschienen.) 

52. Ibsen. Kaiser und Galiläer. "Welthistorisches Schauspiel 
von Henrik Ibsen. Aus dem Norwegischen übertragen von 
Ernst Brausewetter. Leipzig, Ph. Eeclam. Univ.-Bibl. 
No. 2368—69. (1887 (?) erschienen.) 

53. Jarz. Die letzten Kämpfe um die Mexikanische Kaiser- 
krone. Erinnerungen von Konrad Jarz. Leipzig, Ph. Ee- 
clam. Univers. -Bibl. No. 2600. (Erschienen September 1889.) 

54. Jensen. Hunnenblut. Eine Begebenheit aus dem alten 
Chiemgau von Wilhelm Jensen. Leipzig, Ph. Eeclam. 
Univ.-Bibl. No. 3000 (November 1892). 

55. JoKAi. Ein ungarischer Nabob. Eoman von Maurus Jokai. 
Deutsch von Adolf Dux. Leipzig, Ph. Eeclam. Univ.- 
Bibl. No. 3016—20 (December 1892). 



— 81 — 

56. Judesbuche. Die Judenbuche. Von Annette Freiin von 
Droste-Hülshoflf. Paul Heyses Deutscher Novellenschatz. 
Band 24. München, IL Oldenbourg. 

57. Kabl V. Hals oder Peinliche Gerichtsordnung Kaiser 
Karl V und des H. Rom, £.eichs nach der Originalausgabe 
vom Jahre 1533. Herausgegeben und erläutert von Curt 
Müller. Leipzig, Ph. Eeclam. Univ.-Bibl. No. 2990. (Okt. 
1892). 

58. Kerxning. Christentum oder Gott und Natur nur Eins 
durch das "Wort. Von J. Kemning. Theosophische Bib- 
liothek. Dritter Band. Braunschweig, C. A. Schwetschke 
und Sohn, 1894. 

59. KiSTEMAKER. Die Heiligen Schriften des neuen Testa- 
mentes. Übersetzt von J. H. Kistemaker. Elfte Auflage. 
Münster, Theissing. (1849?). 

60. Kleist. Erzählungen von Heinrich v. Kleist. Leipzig, 
Bibliographisches Institut; Meyers Volksbücher No. 73. 74. 

61. Knötel. Homeros. Der Blinde von Chios und seine Werke 
von A. F. B,. Knötel. Erster Teil. Leipzig, Friedrich 
"Wilh. Grunow, 1894. 

62. KöKN'EB. Erzählungen von Theod. Kömer. Leipzig, Biblio- 
graphisches Institut; Meyers Volksbücher No. 143. 

63. Lindau. Helene Jung. Erzählung von Paul Lindau. 
Stuttgart, I. Engelhorn, 1885. Engelhoms Allgemeine 
Bomanbibliothek, 2ter Jahrg. Band 3. 

64. Luther (Adel). An den christlichen Adel deutscher Nation 
von des christlichen Standes Besserung von Martin Luther 
(1520). HaUe a. d. S., M. Niemeyer, 1877. 

65. Luther (Bibel). Dr. Martin Luthers Bibelübersetzung nach 
der letzten Originalausgabe kritisch bearbeitetvonH.E. Bind- 
seil und H.A. Niemeyer. Halle, Cansteins Bibel- Anstalt, 1850. 

66. Luther (Fabeln). Luthers Fabeln nach seiner wieder- 
gefundenen Handschrift herausgegeben und eingeleitet von 
Ernst Thiele. Halle a. d. S., M. Niemeyer, 1888. 

67. Luther (Flugschriften). Flugschriften aus der Reformations- 
zeit X. Aus dem Kampf der Schwärmer gegen Luther. 

6 



— 82 — 

Drei Flugschriften (1524. 1525). Herausgegeben von Lud- 
wig Enders. Halle a. d. S., M. Niemeyer, 1893. 

68. LuTHBB (Neubauer). Martin Luther ausgewählt, bearbeitet 
und erläutert von Richard Neubauer. Zweiter Teil. Halle 
a. d. S., Waisenhaus, 1891. 

69. LuTHEE (Reclam). Sendbrief vom Dolmetschen und drei 
andere Schriften weltlichen Inhalts von Martin Luther. 
Mit Einleitungen und Anmerkungen herausgegeben von 
B/Udolf Lehmann, Leipzig, Ph. Reclam, TjDiv.-Bibl. No. 
2373. März 1888. 

70. Mathesius. D. Martin Luthers Leben in siebzehn Predigten 
von M. Johann Mathesius. Herausgegeben von Lic. Dr. 
Georg Buchwald. Leipzig, Ph. Beclam. Univ.-Bibl. No. 
2511—2514. (Febr. 1889.) 

71. May. Orangen und Datteln. Reisefrüchte aus dem Oriente 
von Karl May. Freiburg i. Br. 1894, Fehsenfeid. 

72. Meinhold. Maria Schweidler, die Bemsteinhexe. Heraus- 
gegeben von Wilhelm Meinhold. Leipzig, Ph. Reclam; 
Univ.-Bibl. No. 1765—66. 

73. Meissner (Reclam). Aus den Papieren eines Polizeikom- 
missärs. Wiener Sittenbilder von Leopold Florian Meifsner. 
4tes Bändchen. Leipzig, Ph. Reclam; Univ. Bibl. No. 3147 
(November 1893). 

74. Mendelssohn. Phädon oder Über die Unsterblichkeit der 
Seele von Moses Mendelssohn. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.- 
Bibl. 335 (Neudruck der Ausg. v. 1767). 

75. MiMTLi. Mimih. Eine Erzählung von H. Glaureu. Mit 
einer kritischen Einleitung von Ad. Stern. Leipzig, Ph. 
Reclam; Univ.-Bibl. No. 2055 (Neudruck der Ausg. v. 1816). 

76. Moschebosch. Insomnis cura parentum, von Hans Michel 
Moscherosch. Abdruck der ersten Ausgabe (1643). Heraus- 
gegeben von Ludwig Pariser. Halle a. d. S., M. Nie- 
meyer, 1893. 

77. MüGGE. Der Vogt von Sylt. Erzählung von Theodor 
Mügge. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-Bibl. No. 3093—3095. 
(Juli 1893.) Abdruck der Ausgabe von 1851. 



— 83 — 

78. MüLLEB (Curt). Hexenaberglaube und Hexenprozesse in 
Deutschland von Curt Müller. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.- 
Bibl. No. 3166—67. (Januar 1894.) 

79. Mylius. Die Türken vor Wien, 1683. Geschichtliche Er- 
zählung von Otfried Mylius. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.- 
Bibl. No. 213 — 14. (Zuerst erschienen 1870.) 

80. NoHL. Musiker-Biographieen. Fünfter Band; Wagner, 
von Ludwig Nohl. 2te vervollständigte Aufl. Leipzig, 
Ph. Eeclam; TJniv.-Bibl. No. 1700. 

81. NoBDAU. Seifenblasen. Federzeichnungen und Geschichten 
von Max Nordau. Leipzig, Ph. ßeclam; TJniv.-Bibl. No. 1187. 

82. Oberhof (Carel). Der Oberhof von Karl Iramermann. Im 
Auszuge herausgegeben von Dr. G. Carel. Bielefeld und 
Leipzig, Yelhagen und Klasing. (Velhagen und Klasings 
Sammlung deutscher Schulausgaben, 9te Lieferung.) 

(Von Immermann zuerst herausgegeben 1839.) 

83. Oberhof (Spemann). Der Oberhof von Karl Immermann. 
Collection Spemann No. 2. Berlin und Stuttgart, "VY. Spe- 
mann. 

84. Opitz. Buch von der deutschen Poeterei von Martin Opitz, 
Abdruck der ersten Ausgabe 1624 (zweiter Druck). Halle 
a. d. S., Max Niemeyer, 1882. 

85. EakOoI. Mein Dorf und andere heitere Geschichten von 
Viktor Bakosi. Leipzig, Ph. Beclam; TJniv.-Bilbl. No. 3115 
(September 1893). 

86. Beichstag. Bebel und sein Zukunftsstaat vor dem Reichs- 
tag. Köln 1893, J. P. Bachem. (Enthält folgende Eeichs- 
tagsreden, gehalten im Januar und Februar 1893: p. 6: 
Liebknecht; p. 7— 14: Hitze; p. 15: Buhl: p. 16— 24: 
Bachem; p.24-35: Bebel; p.35— 39: Stumm; p.39— 61; 
Bachem; p. 61—75: Richter; p. 75—80: Frohme; p. 
81—90: Stöcker; p. 91—100: Hitze; p. 100—122: Bebel; 
p. 122—124: Böttcher; p. 125—127: v. Koscielski; p. 
127—138: Bachem; p. 139— 150: Richter; p. 150— 160: 
Liebknecht; p. 160: Stöcker; [p. 161—166 Nachwort]). 

87. Reischl. Die heiligen Schriften des alten und neuen 
Testamentes .... übersetzt und erläutert von Dr. Valentin 

6* 



— 84 — 

Loch und Dr. Wilhelm Reischl. Regensburg, Georg Joseph 
Manz^ 1851. 

88. Reiseb. Anton Reiser, ein psychologischer Roman von 
K. Ph. Moritz. Heilbron, Gebr. Henninger, 1886 (Neudruck 
der Ausgabe von 1785). 

89. Renan. Das Leben Jesu von Ernest Renan. Aus dem 
Französischen von Hans Helling. Leipzig, Ph. Reclam; 
Univ.-Bibl. No. 2921—2923 (April 1892). 

90. Renard. Ist der Mensch frei? Von Georges Renard. 
Aus dem Französischen übersetzt und mit Anmerkungen 
versehen von Albert Südekum. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.- 
Bibl. No. 3208-9 (Mai 1894). 

91. (Hans) Sachs (Tittmann). Dichtungen von Hans Sachs. 
Drei Teile. Leipzig, F. A. Brockhaus, 1883. Erster Teil, 
herausgegeben von Karl Goedeke. Zweiter und dritter 
Teil, herausgegeben von Julius Tittmann. 

92. Salzmann (A.). Ameisenbüchlein oder Anweisung zu einer 
vernünftigen Erziehung der Erzieher. Von Christian Gott- 
hilf Salzmann. Mit Einleitung und Anmerkungen versehen 
von Ernst Schreck. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-Bibl. 
No. 2450 (Zuerst erscUenen 1806). 

93. Salzmann (K.). Krebsbüchlein oder Anweisung zu einer 
unvernünftigen Erziehung der Kinder. Von Christian Gott- 
hilf Salzmann. Mit Einleitung und Anmerkungen versehen 
von Ernst Schreck. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-Bibl, 
No. 3251 — 52 (September 1894). (Zuerst erschienen 1780). 

94. Sarcey. Die Belagerung von Paris. Eindrücke und Er- 
innerungen von Francisque Sarcey. Aus dem Französischen 
übersetzt von A. Tuhten. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-Bibl. 
No. 3118—3120 (Sept. 1893). 

95. Schere (Johannes). Das rote Quartal. Eine geschichtliche 

Episode (März — Mai 1871). Von Johannes Scherr. Leipzig, 

Ph. Reclam; Univ.-Bibl. No. 1551. (Zuerst erschienen in der 
Gartenlaube 1876 in einzelnen Abschnitten, beginnend p. 11, schliefsend 
p. 399). 

96. ScHiLLEK (Krieg). Geschichte des 30jährigen Kiieges. Von 

Friedrich von Schiller. Leipzig, Ph. Reclam. 

(Einzelausgabe ! nicht Univ.-Bibl.) 



— 85 — 

97. ScHiLLBB (Erzählungen). Erzählungen von Schiller. Heraus- 
gegeben von Heinrich Kurz. Leipzig, Bibliographisches 
Institut; Mevers Volksbücher No. 91. 

98. ScHLEMiHL. Peter Schlemihls wundersame Geschichte. 
Von Adalbeiii von Chamisso. Heyses Novellenschatz, Band 
17 (p. 1—98). JMünchen, Rudolf Oldenbourg. 

(Neudruck der ersten Ausgabe von 1811). 

99. Schmidt. Erzählungen von Rudolf Schmidt. Aus dem 
Dänischen übersetzt und eingeleitet von L C. Poestion. 
Leipzig, Ph. Reclam; TJniv.-Bibl. No. 2061—62 (Okt. 1888). 

100. Pkof. ScHuiiTZB. Der Zeitgeist in Deutschland. Von 
Dr. Fritz Schnitze. Leipzig 1894, Ernst Günther. 

101. Schwab. Die deutschen Volksbücher für Jung und Alt, 
wiedererzählt von Gustav Schwab. Leipzig, Ph. Reclam; 

Univ.-Bibl. (15 Volksbücher in einem Bande). 

102. Seefeld. Im Fluge durchs alte romantische Land. Soramer- 
reisen durch Spanien von Alfred von Seefeld. Leipzig, 
Ph. Reclam; Univ.-Bibl. No. 1489—90. (Geschrieben 1879.) 

103. SiMPL. Der abenteuerliche Simplicissimus von H. J. Chr. 
von Grimmeishausen. Abdruck der ältesten Originalaus- 
gabe 1669. Halle a. d. S., Niemeyer, 1880. 

104. Thomasius. Christian Thomasius. Von Nachahmung der 
Franzosen. Nach den Ausgaben von 1687 und 1701. Stutt- 
gart, Göschen, 1894. 

105. Thokoddsen. Jüngling und Mädchen. Eine Erzählung 
von Jon Th. Thoroddsen. Aus dem Neuisländischen über- 
setzt von I. C. Poestion. Dritte durchgesehene Auflage. 
Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-Bibl. No. 2226—27 (1888). 

106. Tobias. Christian Weises Schulkomödie von Tobias und 
der Schwalbe. Aufgeführt im Jahre 1682. Herausgeg. von 
Otto Lachmann. Leipzig, Ph. Reclam; Univ.-B. No. 2019. 

107. ToLSTOj. Volkserzählungen des Grafen Tolstoj. Nach 
dem Russischen von Wilhelm Goldschmidt. Leipzig, Ph. 
Reclam; Univ.-Bibl. No. 2556-57 (Mai 1889). 

108. Teiller. Daniel Wilhelm Trillers Neue Aesopische Fabeln. 
Zweite Auflage. Hamburg, Christian Herold, 1750. (Erste 
Aufl. 1737). 



— 86 — 

109. ViLLDsGEB. Unter Bauern, und andere Geschichten von 
Hermine Villinger. Stuttgart 1894, J. Engelhom; Engel- 
homs Komanbibliothek X, 24. 

110. VoLNEY. Die Ruinen und das natürliche Gesetz von Const. 
Fr. Volney. Deutsch von Georg Forster. Mit einer Bio- 
graphie Vohieys neu herausgegeben von Kobert Habs. 
Leipzig, Ph. Reclam; TJniv.-Bibl. No. 2151 — 53. 

111. Voss. Der Mönch von Berchtesgaden, und andre Er- 
zählungen. Von Bichard Vofs. Stuttgart 1891, J. Engel- 
hom; Engelhorns Romanbibliothek VTI, 15. 

112. Webtheb. Die Leiden des jungen Werther von Goethe, 
Leipzig, Bibhographisches Listitut; Meyers Volksbücher 
No. 23—24. 

113. WiCHEBT. Für tot erklärt. Erzählung von Ernst Wiehert. 
Leipzig, Ph. Beclam; Univ.-Bibl. No. 1117. 

114. WiLDENBBUCH. Das wandemde Licht, von Ernst v. Wilden- 
bruch. Stuttgart 1893, J. Engelhom; Engelhorns Boman- 
bibUothek X, 3. 

115. Zesen. Ph. Caesiens Hooch-Deutsche Spraach-übung oder 
unvorgreiffliches Bedenken über die Hooch-Deutsche Haupt- 
Spraache und derselben Schreibrichtigkeit ; In unter-redung 
gestellet, und auff begehren und guhtbefinden der Hooch- 
löblichen Deutsch-Zunfft herfür-gegeben. Hamburg, Bey 
Heinrich Wemern, Im Jahr m.dc.xliij. 

116. ZsCHOKKE. Der tote Gast. Von Heinrich Zschokke. 
1825. P. Heyses Novellenschatz, elfter Band. München, 
Rudolf Oldenbourg. 



Ferner sind angeführt: „Kölnische Zeitung" ; „Berliner 
Tageblatt" ; „Fliegende Blätter" ; „Hannövrischer Courier". 



— 87 — 



Übersicht der angeführten Schriften nach der Zeit 

ihres ersten Erscheinens. 



No.*) No. 

1519. Eulenspiegel ... 37 um 1550. H. Sachs ... 91 

1533. Karl V 57 , 1560. H. Sachs, Dialoge . 26 

1520—46. Luther . . 64—69 1565. Mathesius .... 70 
1550. E. Alberus .... 4 

1624. Opitz 84 : 1680. Abraham a. S. Gl. . 3 

1682. Weise, Tobias u. d. 

Schw 106 

1699. Abraham a. S. Gl. . 2 
1699. Ganitz 20 



1643. Moscherosch ... 76 
1643. Zesen 115 

1668. Banise 7 

1669. Simplicissimus . . 103 
1673. Weise, Erznarren . 35 



1701. Thomasius .... 104 

1732. Gottsched .... 21 

1737. Triller 108 

1760. Lessing (Hausvater) 48 

1767. Mendelssohn ... 74 

1768. Lessing (Drama- 

turgie) .... 28 

1770. Herder 49 



1800(?). Schiller, Erzähl. 
1801. Engel . . . 
1806. Salzmann 
(vor) 1811. Kleist 
1811. Ghamisso , . 
(vor) 1813. Kömer 
1816. Glauren . . 
1822. Eberhard . 

1825. Zschokke . 

1826. Hauff . . . 



97 
31 
92 
60 
98 
62 
75 
29 
116 
46 



1772. Wieland 42 

1774. Goethe 112 

1776. Wieland 1 

1780. Salzmann .... 93 

1785. Moritz 88 

1786. Sophie Becker . . 8 

1792. Volney (Forster) . 110 

1793. Schiller 96 

(vor) 1827. Hauff .... 47 
1836. G. Schwab .... 101 

1838. V. Ess 36 

1839. AllioU 5 

1839. Immermann . 82—83 
(vor) 1840. Grimm ... 44 

1843. Meinhold 72 

1850. Bülau 19 

1850. Kistemaker ... 59 

1851. Mügge 77 



*) Nummer der alphabetischen Keihenfolge in dem vorstehenden Ver- 
zeichnis. 



— 88 — 



No. 

1851. Eeischl 87 

1851. Arenz-Clümper . . 6 

1860. Droste-Hülshoff . . 56 

1868. Brachvogel .... 16 

1870. Mylius 79 

1870(?). Bibel-Brockhaus 11 
1874. Cicero (v. Osterwald) 23 

1875(?). Nordau .... 81 

1875(?). Nohl 80 

1876. Scherr 95 

1879. Heyse 50 

1879. V. Seefeld .... 102 
1880— 90(?). Erckmann- 

Chatrian . . 32—34 
(um) 1880. Bismarck 12—14 , 
1880(?). Cicero (Eeclam) 22 ! 

1880. Franzos 38 i 

1885. Berges 10 | 

1885. Lindau 63 

1885. V. Wildenbruch . . 24 
1887. Ebers 30 

1887. Ibsen 52 

1888. Schmidt 99 

1889. Thoroddsen ... 105 
1889. Gottschall .... 43 

1889. Tolstoj 107 

1889. Jarz 53 



No. 

1890. Brentano 17 

1891. Brugsch 18 

1890. Groner 45 

1891. Vofs 111 

1892. Renan 89 

1892. Jensen 54 

1892. Jökai 55 

1893. Belot 9 

1893. Botstiber 15 

1893. Darwin 25 

1893. Reichstag .... 86 
1893. V. Wildenbruch . . 114 

1893. Freiland 39 

1893. Gobineau 40 

1893. Meifsner 73 

1893. R&kosi 85 

1893. Sarcey 94 

1894. Doeme 27 

1894. Hoffmann .... 51 
1894. Kernning .... 58 
1894. Renard ... . . 90 

1894. Knötel 61 

1894; May 71 

1894. Curt Müller ... 78 

1894. Schultze 100 

1894. Villinger 109 



— 89 — 

Können. 

Hauptsatz. 

GewöhnKche Wortfolge. 

Wir hätten den fremden vogel auf stücken zerreissen 
können, Banise p. 612 (= Seite 6, Zeile 12 von unten). 

Es hätte auch leicht geschehen können, Eeznabeen p. 96^ 
(= Seite 96, Zeile 6 von oben). 

Ich hdbs nicht überwinden können. Wertheb 14i2« 
Ich hätte das Gesicht kaum von den Kissen unterscheiden 
können, Fbanzos 40j2. 

Haben Sie nicht schlafen können? Fbanzos 49 ^ 

Altere Wortfolge. 
Vnd hett ich jhn gleich können dir betrüben, Albebus 31 ^^ 
Er hätte seine Meynung viel deutlicher können von sich 
geben, Ebznabben 188^*. 

Obliquus zusammengesetzt. 
Quinault hätte es immer bei dem zweiten .... können be- 
wenden lassen, Dbamatubgie ÖT^j- 

Man hätte eine Mücke können trappen hören. Hauff 177 ^^. 

Poesie. 
Hätf ich sie gleich doch können begleiten, Ebebhaed 
X: 147. 

Invertierte Wortfolge. 
Stören nicht hättest du können so unschuldige Menschen, 
Ebebhaed VI: 156. 

Obliquus verschwiegen. 
Hält er die Zügel des Weltwagens in seiner Hand, so hätte 
er ja können — Ibsen 118 jj. 

Obliquus nicht vorhanden. 
Wie hätte der Beligions friede es gekonnt, Schilleb 
(Krieg) ISj^. 

Nebensatz. 

Gewöhnliche Wortfolge. 
Weil die erste und rawe Welt gröber vnd vngeschlachter 
war, als das sie hette die lehren von weifsheit vnd himmlischen 
dingen recht fassen vnd verstehen können, Opitz 8^. 



— 90 — 

Die nie auffvnser deutsch noch haben redenkönnen, Opitz 21 5. 

Dafs mann . . . noch gar nicht Deutsch hette schreiben 
können. Zesen XIV ^ 

Elier . ... als die ... . Welt davon urtheilen können. 
Ebzkajrben 4g. 

Eigentlich gründet sich sein Ruhm mehr auf das, was er 
, . . hätte leisten können, als was er wirklich geleistet hat. 
Dbam. 4i 1 . (Fernere Beispiele genau derselben Art: 4i5und Sjj)» 

Wenn wir gestehen müssen, dafs dieser Charakter . . . 
nicht anders, als so habe urteilen können. Dbam. 11 19. 

Als ob loir hätten weinen können. Dbam, 32^. 

Vorstellungen, wie glücklich er habe leben können. Deam. Ö6 -. 

Dafs Herr Lambert .... mit Recht hat zeigen können, 
Heedfr 9^^ 

Was er hätte sagen können. Goldeneb Spiegel 152 jg. 

Was ich von der Geschichte des armen Werthers nur habe 
auffinden können. Webtheb: Vorrede (Ister Satz). 

Altere Wortfolge. 

Vor dem niemand hat können zu frieden bleiben. Ebz- 
naeben 192^0. 

Dass du hast können hassen, Canitz 16 jq« 
Obliquus zusammengesetzt. 

Dafs die Sache hätte können gerathen werden. Mathe- 
anjs 443. 

Deren Natur . . • nicht hat erforscht werden können, 
Hebdeb Ög. 

Ich vmndre mich, dafs der Scharfsinn eines Rousseau sie 
einen Augenblick daraus habe können werden lassen. Hebdeb 
16 7. (Anderes Beispiel: 17 3). 

Futurum Exactum. 
Er kan nicht ferne von hier seyn, weil er gleichfalls sein 
Theil bekam, dafs er unmöglich weite Sprünge wird haben 
machen können, Banise 69. 

„Lessingsatz" früher. 
Difs aber kann keiner beweisen, dafs sie eben selbige Wörter 
nicht mit ihren eignen und angebohrnen auch aussprechen 
können. Zesen XVI5. (Der Zusammenhang erweist, dafs 
hier ein Perfekt vorliegt). 



— 91 — 

Nachdem die lebendigen euren befehl , . • nicht vollbringen 
können, Banise 82. 

Weil ich mit aller . . . Mühe . . . bannen können. Simpl. SÖje» 

Wie weit der Frey-Herr von Canstein dieses sagen können, 
Canitz XXII Anm. linke Spalte Z. 3 v. u. 

31an kann ihm unmöglich wieder gut werden j da/s er es 
wagen können. Dkam. 6 ^^, 

„Lessingsatz" heute. 

Wie er mich nicht finden gekonnt, Schlemtbl 71 ^. 

Wenn Ihr mich verstanden und mir darauf antworten ge- 
könnt, Jensen 41 ^. 

Da ich • . . meines lebendigen Geistes gewaltsames Streben 
nimmer (= nicht mehr) bemeistern gekonnt, sang ich, Meiss- 
ner 48 !• 

Abnormales. 

Dafs weder ein Feldherr im Kriege noch ein Fürst daheim 
Grofses und Segensreiches ohne die Anhänglichkeit der Men- 
schen ausführen gekonnt hätte. Cicero 106 3. 

Wir weisen auch nach, dafs Homer schreiben gekonnt hat, 
Knötel 1X9. (Diese Abnormahtät sehr häufig und vielleicht 
mit Absicht bei Rückeet; sieh Kehreins Schulgrammatik , 
3te Auflage, 1865; p. 2123 ; Was er hat vorm Jahr gewollt und 
nicht gekonnt vollenden, Dafs er gemufst verrichten, da hab 
er gekonnt verzichten, Haben sie gedurft hauchen ihre Flammen, 
Sie hätten gemocht entlaufen,) 

Weil nur Jesus oder die Samariterin davon erzählen haben 
können, Renan I84 (Anm.). 

Dafs Jesus . . . die Beise zu Johannes unternehmen hätte 
können, Renan 101g. (Diese Wortstellung auch noch zu 
finden Simpl. 19 15.) 



Wollen. 

Hauptsatz. 

Gewöhnliche Wortfolge. 

Wie offt habe ich deine Kinder versammeln wollen, Vnd jr 
habt nicht gewolt, Luther, Matth. 23, 37. 



— 92 — 

Ich habe aber in meinen Fabeln nie den vortheil brauchen 
tüöllen, Albeeus 4^^. 

Mit den hob ich mich letzen wellen, Hans Sachs III 21,3. 

Habe mich auch dessen offt erkundigen wollen, Zesen XXI ^ 

Ich habe es daher auch hier versuchen loollen, Cato 81,5. 

Er hat das alles jetzt nicht wissen wollen, Dbam. 692 1. 

Sie haben ihn drum betrügen wollen. Wertheb 12 2. 

Ich habe dir aber nichts davon sagen wollen, Salzmann 
(K.) 1240. 

Altere Wortfolge. 

Die liebenn vetter haben vns wollen in die schrifft füren, 
Luther (Adel) 71 ^^ 

HaW ich sie wollen hier an leichte reime wenden, Opitz 46 ^. 
Hättestu wollen ein Landläuffer werden, Erznarren 11 *^ 

Obliquus zusammengesetzt 

So hat die Akademie die Frage . , . einmal aufser Streit 
wollen gesetzt sehen, Herder 17 ^ 

Ich habe diesen Tag nicht kommen lassen wollen, Mügge265 ^. 

Invertierte Wortfolge. 
Aufdringen habe ich mich nicht wollen, Wichert 39 j. 
Fortgehn haV er gewollt und sei ivie gefesselt gewesen, 
Eberhard X: 62. 

Poesie. 
Längst hätf icWs wollen ersetzen, Eberhard I: 135. 

Abnormales. 

Ich hab nichts bey euch wolt wissen. Luther (Adel) I81,. 

Zum andern, liat man sie mit der heyligen schrifft wolt 
straffen, Luther (Adel) 67. 

laicht zum Trutz, zum Schutz haV ich die Waffe führen 
gewollt, Brachvogel 153^. 

„ Wie, Imbe ich ihn denn stechen gewollt**. Berliner Tage- 
blatt, 2tes Beiblatt No. 446, 2/X 1893. [Worte des Hammer- 
schmiedes J. J. Schulte aus Altena.] 

Nebensatz. 

Gewöhnliche Wortfolge. 
Dem ich . . . auch habe nachkommen wollen, Opitz 21 2 3. 



— 93 — 

Als oh er mir ^ , . das Hertz aus dem Leih hätte reissen 
wollen. SiMPL. 20 j. 

So möchten sie wol denken, ich hätte sie verachtet, und 
hätte jhnen zum Schimpffe nicht reden wollen, Tobias 264. 

Wenn ich seinen Gründen nicht hätte Gehör gehen wollen, 
Webtheb 64 ^ 

Wenn man nach den Anforderungen hätte urteilen wollen, 
Salzmann (K) 40*". 

Dafs mir so ein fremder Gelbschnabel ins Nest habe sitzen 
wollen, Hauff 147 5. 

Altere Wortfolge. 

Das y der man hat wollen ])faff werden und yderman sein 
kind drauff studieren lassen, Lutheb (Adel) 463. 

Wilchs er hernach hat wollen offinbarn und dadurch des 
Endchrists Regiment aufdecken und zerstören, Lutheb (Neu- 
bauer) 17^3. 

Wie Dauid hat . . . nicht wollen widerstreben, Albebus 46^ 7. 

Wenn ihm Teufel und Welt hat wollen angst und hang 
machen, Mathesius 275. 

Weil Gott der Allmächtige durch mich euch hat wollen an 
dise Welt gezeuget werden, Moschebosch 22 ^ 

Obliquus zusammengesetzt. 

Dafs sie der Sohn für keinen Preis dem Alten hätte wollen 
bekannt iverden lassen, Engel 16 ^^ 

„Lessingsatz" früher. 

So viel ist es, was ich von vnserer Poesie auffsetzen wollen, 
Opitz 5433. 

Ein ander kriegte den Abschied, weil er behaupten wollen, 
Eeznabben 43 15. 

Wenn man erfährt, dafs der Himmel ihn noch retten 
wollen, Dbam. 55 j. 

Weil man ihn von dem Trauerspiele des Herrn von Brave 
. . . unterscheiden tvollen. Dbam. 58 2. 

(Andere Beispiele: Dbam. 62 ^j 88*"; 10 3; femer: Canitz 

XXIV 1^; CCIX9, XXXV1I9, xxxvins xxxvinis 

LIv*^ 510, 7^0.) 



— 94 — 

„Lessingsatz" neu. 

Dafs auch weder die Sehe noch das Ächterwasser etwas 
hergeben gewollt. Meinhold 59 g. 

So mich anfänglich nicht mitnehmen gewollt, AIeinhold 139 *. 

Man erinnerte sich an 1848, tvo Bismarck den phaetoni- 
sehen Flug der Kaiserpolitik verspottet, die grofsen Städte von 
der Erde vertilgen gewollt und gehofft hatte, das Narrenschiff 
der Zeit am Felsen der Kirche scheitern zu sehen. HannÖv. 
COHRIBE 1887. 

Und da mich niemand segnen gewollt, so haben sie mich 
gesegnet. Voss 49 ^ 

Das, was er sagen gewollt, sank mit ihm ins Grab. Hoff- 

MAXN5 JUGENDFBEUND 86821. 

Der seinem Schutzpatron folgen gewollt. Beachvogel 964. 
Obliquus nicht vorhanden. 

Vnd jr habt nicht gewolt. Lutheb, Matth. 23, 37. 

Was er einmal, zweimal nicht gewollt hatte, schiebt er nicht 
zu können. Dram. 40^0. 

Dafs die Frau, auch tvenn sie gewollt, ihn nicht wieder 
hätte aufnehmen können. Werther 676» 

Ohne sie hätten wir anzetteln können, was wir hätten wollen, 
wir hätten doch nichts zuwege gebracht. Hauff 107 ^^ 

Abnormales. 

Das sie es nit Imt wolt vmb sonst auffnehmenn. Luther 
(Adel) 57,,. 

Wie wol viel . , . yhn haben wolt erredten, Luther (Adel) 67 *ß. 

Wenn er . . . zurückbleiben gewollt hätte. Cicero 2143. 
[Die ganze Stelle lautet: . . . wenn er über die Gefangenen 
nach seinem persönlichen Nutzen, nicht nach dem des Staates 
gestimmt oder daheim zurückbleiben gewollt hätte. Der Grund 
der Abnormalität ist hieraus leicht ersichtlich; er liegt in der 
p. 62, § 49 besprochenen Schwierigkeit. Geschickt vermeidet 
die Schwierigkeit Wilh. Osterwald in seiner Übersetzung 
CiceroB p. 1532 • • • • hätte er entweder in Betreff der Ge- 
fangenen zu dem scheinbar für ihn, nicht aber für den Staat 
Nötigen geraten, oder zu Hause bleiben wollen. Osterwald 
läfst also die einleitende Konjunktion aus und erhält dann for- 
mell Hauptsätze, die weiter keine Schwierigkeit mehr bieten.] 



— 95 — 

Mögen. 

Hauptsatz. 

Gewöhnliche Wortfolge. 

So haben sie auch irren mögen, DiALoaE 25 j 4. 

Ich hätte ihm befehlen mögen, wie ich hätte mögen, es hätte 
nicht gesungen, Hauff 50 9. 

TJnd als er des Königs ernsthaftes Gesicht lachen sah, . . . 
hätte er Lina erioürgen mögen, Mügge i486. 

Wir hätten wollen mögen oder nicht, Bismabck (Meyer) 

260,0. 

Um nichts in der Welt hätten wir dich aus dem Hause 

geben mögen, Belot 45. 

Altere Wortfolge. 

Haben die Bejpste vnd Born er bifsher mugen durch teuffels 
hui ff, die kunig in einander werren, Lutheb (Adel) Big« 

Kein Turk het welschlandt fso mugen vorterben vnd gottis 
dienst nyderlegenn, Lutheb (Adel) 19 ^^ 

Hat das volck von Israel mugen bestehen, Luther (Adel) 

Das niemand sein heubt hat mügen aufheben, Lutheb, 
Sacharja. 1, 21. 

Obliquus zusammengesetzt. 
Ich hätte wohl ein altvätrisches Gespenst in einem so ga- 
lanten Zirkel mögen erscheinen sehen, Dbamatubgib 43 ^*. 

Abnormales. 
Nu hat der Römisch geytz vnd raubstul, nit mocht der zeit 
erwartten, Lutheb (Adel) 23 ^. 

Nebensatz. 

Das sie niemant hat mugenn reformierenn, Lutheb 

(Adel) 612. 

Der mir darin hätte gleichen mögen. Simpl. 9 ^^ 

Dafs ein Stein in der Erde sich hätte erbarmen mögen. 

Salzmann (K) 35 4. 

Abnormales. 
Vnd do sie das nit habenn mocht schickenn. Lutheb 
(Adel) 7420. 



— 96 — 

Sollen. 

Hauptsatz. 

Gewöhnliche Wortfolge. 
Sie hätte nicht löse werden sollen. Dsam. 52 ^ 
Da hätte man sehen sollen, wie emsig das liebe Mädchen 
nähte. Salzmann (K) Söjß. 

Altere Wortfolge. 

Hierneben habe ich auch nicht sollen vnverwehnet lassen, 
Opitz 59 ^ 

Ja, er hätte es sollen wissen. Eeznabben 224^8 (X). 

Wo hätten denn die andern Akte sollen herkommen. 
Dbam. 654. 

Obliquus zusammengesetzt. 
Er hätte die Phädra allein sollen rasen lassen. Cato 102^4« 
Wie hätte sich dieser Kaiser sollen in den Sinn kommen 
lassen. Schtlleb (Krieg) 1420« 

Ich hätte ihn hier töten lassen sollen. Ibsen ST^g. 

Nebensatz. 

Welchen sie lengest hette kriegen sollen. Opitz 54 1. 
Weil er . . . difs hat wissen sollen. Ebznabben 224 *^ 
Hier würde ich es kühnlich wagen, zu thun, was der Dichter 
hätte thun sollen. Deam. öTj^. 
(Anderes Beispiel 92,4). 



Müssen. 

Hauptsatz. 

Gewöhnliche Wortfolge. 

So haben weise Männer . . . verstecken vnd verbergen 
müssen. Opitz 9^. 

Man hat es aber aussetzen . • . müssen. Canitz XLH*. 

Die Liebe des Vaterlandes . . . hätte den Codrus allein 
auszeichnen sollen: er hätte als ein einzelnes Wesen . . . da- 
stehen müssen. Dbam. 63. 

Du hättest für mich ein paar Wege gehen müssen. Salz- 
mann (K) 89ie. 



— 97 — 

Peter Valerian hatte nach Jüterbog gehen müssen, Bbach- 

VOGEL ÖOiQ. 

Altere Wortfolge. 

Drumb haben sie müssen fallen, Luthek (Adel) Öj. 

Und er hat müssen spinnen für grosser Liebe, Luther 
(Neubauer) 11 ^K 

Ich habe müssen zuhören Sie herabsetzen, Weether öOjj. 

Alle Felsen rundum haben müssen Euren Namen lernen. 
Mtattli 49 13. 

Er Mite sie müssen befreien, Renaed 969. 

Invertierte Wortfolge. 

Aber zurücklassen hat er sie doch müssen. Fliegende 
Blättee vom 1. Okt. 1893 p. 124 („Ein gutes Geschäft"). 

Obliquus nicht vorhanden. 

Sie waren schon oben gewesen im Gebirge j hatten aber 
wegen des Schneefalles vorgestern wieder herunter gemufst, 
Seeeeld 37 ^^ 

MufsV eben auch mürW werden; haben^s alle müssen, da- 
gegen hilft nichts. Villingee 9^^. 

Abnormales. 

Drumb hats must fortgahen, Luthee (Adel) 42 ^. (Hier- 
mit zu vergleichen: Luthee, 1 Sam. 14, 30: Weil aber das 
Volck heute nicht hat müssen essen, Luthee, 1 Macc. 1, 12: 
Denn wir habeyi viel leiden müssen,) 

Nebensatz. 

Auff dero geheifs er , , , seinen blühenden jungen leib . , . 
hatt au ff opfern müssen, Zesen XXXjq. 

Dafs er nicht hätte hören müssen, Eeznaeeen 3I19. 

Mit welchen sie am meisten haben umgehen müssen, 
Zesen XIiq. 

Obschon sie hätten ihr Leben opfern müssen, Ibsen192i7. 

Sie antwortet nicht einmal auf diese Eröffnung, die sie 
doch begierigst Mtte ergreifen müssen, Deam. 962. 

Obliquus zusammengesetzt. 

Deren Wert er an sich selbst hatte schätzen lernen müssen, 
ScHiLLEE (Erzählungen) 11 ^, 



— 98 — 

Ist es nicht schade, . . . dafs eine so schöne Prinzessin 
sich hat müssen einspinnen lassen, Oberhop 90^ 5. 

„Lessingsatz" früher. 

Nun wäre weiter nicht an die Heirat zu denken, wenn 
nicht Lisander selbst sich . . . zu dem . . . Stande herablassen 
müssen. Deam. 68^. 

(Anderes Beispiel: Dbam. 953). 

„Lessingsatz" heute. 
Dafs ich es finden gemüfst. Meinhold 56 K 
Diese arme Magd, so mich versuchen gemufst. ISIeinhold 

78 '\ 

Dürfen. 

Hauptsatz. 

Gewöhnliche Wortfolge. 

Vnd habe mich vnterwinden dürffen (^= gewagt^. Opitz 49 *^. 

Hätte sie ihn einer ihrer Freundinnen verheiraten dürfen. 
Weethee 93 17. 

Ich haWs noch niemals bereuen dürfen ('= brauchen). Otfeted 
Mtliüs (:Die Opfer des Mammon. Recl.Uiiiv.-Bibl.No.l619— 20) 
p. 16 \ 

Altere Wortfolge. 

Es hätte niemand den geringsten Schertz dürffen vorbringen. 
Erznareen 193 ''. 

Ich habe nicht einmahl dürffen herauskommen. Tobias 92 *. 

Obliquus zusammengesetzt. 
Er hatte sich ja seine Herzensfreude vor dem klugen Alten 
nicht merken lassen dürfen. Hauff 91 jß- 

Abnormales. 
Er wird sich freuen, mir jesund wiedersehen jedurft zu 
haben. May 231 5. 

Nebensatz. 

Es ist wirklich viel gutes Komisches darin, dessen sich 
Moliere nicht hätte schämen dürfen (=^hraMcheji). Deam. ÖTjs. 

Am meisten empörte es die Protestanten, dafs der Papst 
sich hatte herausnehmen dürfen (= wagen). Schellee 
(Krieg) 26^2, 



— 99 — 

Hat es schon irgend ein französisches Ministerium ge- 
geben, welches hat wagen dürfen, öffentlich und bedingungslos 
zu sagen. Bismarck (Meyer) 218*2^ 

Es hätte auch der Teuffei mit ihr . . . Bindfleisch gegessen, 
welches aber nicht hat dürffen hart gesaltzen seyn. (Cübt) 
Müller 162 «. 



Lassen. 

Hauptsatz. I. Ersatzhaft. 

Gewöhnliche Wortfolge. 
Und habt euch nit an der tauf benügen lafsen. Dlä.- 

LOGE 35i6' 

Auch hat mann schon die grossen haupt'U an etlichen 
Orten giessen lassen, Zesen XXXVI ^ 

Der hätte sich in allen Traumbüchern belernen lassen, was 
die Händel bedeuten solten. Erzn. 179 jq. 

Die Kirche hat mir die Wohnung bauen lassen. Toblis 99 ^^ 

Den Marcus aber habe ich nur todt vor ihn bringen lassen. 
Cato 32^3, 

Haben sie dennoch . . . eigenmächtig drucken lassen. Triller 
(„Neue Vorrede'* p. 11 3. [Seiten nicht numeriert.]). 

Auch habe ich mir einen machen lassen, ganz wie den 
vorigen. Werther 689. 

Man hatte mich zwischen zwei Weibspersonen sitzen lassen. 
Schiller (Erzählungen) p. 17"^. 

Sie hätte sich doch von keinem andern schnäbeln lassen, 
Hauff U8^ 

Er hatte .... mehr als einmal dem Kammerjunker seine 
Überlegenheit fühlen lassen. Mügge llTu- 

Eine ganze Woche lang hatte Lornsen sich nicht ... sehen 
lassen, Mügge 129 9. 

Er hatte manches Gute gethan, oder doch von Bernstoff, 
seinem berühmten Minister thun lassen, Mügge 145 13. 

Es hat nur eine ganze Reihe von Punkten des Gothaer 
Programms fallen lassen. Keichstag (Bebe!) p. 109 j (Fufs- 
note). 



— 100 — 

Er hat dort in fetten Buchstaben drucken lassen. Beichs- 

TAG (Bachern) 133 2». 

•• 

Altere Wortfolge. 
Vnd haben etlich den teuffei fso starck lassen in yhn re- 
gieren. Luther (Adel) I85. (Dies lassen kann als Ersatz 
und auch als Particip aufgefafst werden. Denn Luther bildet 
seine Participia durchgängig noch ohne ge-f wenn er nicht das 
Hülfszeitwort ausläfst; und selbst dann kommt das Particip 
ohne ge- bei ihm vor. „Adel", 15 20-' y^d nach yhm viel 
ander keyfser desselben gleichen than = Und nach ihm haben 
viele andere Kaiser dasselbe gethan). 

IL Ersatzlos. 1. Aktiv. 

.... hat der Herr Abgeordnete verschwiegen und fallen 
gelassen. Bismarck (Spemann, Band 13) 91 g. 

Er hatte das unbekannte X einer transcendentalen Welt 
stehen gelassen. Prof. Dr. Schultze 176 *^ 

Er . . . entschuldigte sich geradezu, mich so lange warten 
gelassen zu haben. PrehjAnd 14,0. 

2. Passiv. 

Damals wurde derselbe von ihm im Reichstage und draufsen 
im Lande in allen Versammlungen paradieren gelassen. Eeichs- 
TAG (Bachern) 43 ^^ 

Diese Forderung ist im Erfurter Programm ebenfalls 
fallen gelassen. Reichstag (Hitze) 97 j 3 (Fufsnote). 

So dafs beide . . . fallen gelassen werdest mufsten. Beichs- 
TAG (Nachwort) 161 g. 

Sodann wurden drei Ballons aufsteigen gelassen. Gobineau 

Häufiger hat es uns scheinen wollen, dafs die ersatz- 
losen aktiven Formen nur dann bei lassen vorkämen, 
wenn der Obliquus nicht passive Bedeutung hat; oder — 
besser ausgedrückt — wenn das Objekt des Gesamt- 
prädikates nicht Objekt des Infinitivus Obliquus, sondern 
Subjekt desselben ist. Also: 

Die Mutter hat das Kind fallen lassen, oder: gelassen; 
aber: 



— 101 — 

Die Mutter hat das Kind taufen lassen, nicht: gelassen! 
Ich habe den Knahen stehen lassen, oder: gelassen; 
aber: 

Ich hahe den Knaben erziehen lassen, nicht: gelassen! 

(Ferner will es uns bedünken, dafs die ersatzlosen 

Formen häufiger bei lassen = laisser, weniger häufig bei 

lassen == faire vorkommen. Dies zu erweisen, sind wir 

allerdings mangels Belege aufser stände). 

Ist unsere Vermutung richtig, dann mufs es also auch 
einigermafsen gegen unser Sprachgefühl verstofsen, wenn 
man etwa sagt: 

Er will das Buch drucken gelassen haben; 
statt : 

Er tvill das Buch haben drucken lassen; 
wogegen: 

Er ivill das Buch fallen gelassen haben 
neben: 

Er tvill das Buch haben fallen lassen 
passieren könnte. 
Ferner wohl: 
Er scheint das Buch fallen gelassen zu haben ; 
aber nur aufgelöst: 

Es scheint, dafs er das Buch hat drucken lassen, 
weil: 

Er scheint das Buch drucken gelassen zu haben, 
oder : 

Er scheint das Buch haben drucken zu lassen 
nicht möglich sind. 

Heyne führt an Apostelgesch. 10, 29: So frage ich 
euch nUj Warumb jr mich habt lassen foddern. Diese 
Stelle übersetzt v. Ess wie folgt: Aus welcher Ursache 
habt ihr mich rufen lassen] Reischl: Ob welcher Ursache 
halt ihr mich holen lassen; Kistemaker: Aus welcher 



— 102 — 

Ursache habt ihr mich rufen lassen, Bibel-Brockhaus: 
Um welcher Ursache willen habt ihr mich holen lassen. 
Keiner also umgeht den Ersatz. Die Stelle bedeutet 
aber auch: Pourquoi m^avez-vous fait venir, nicht: laissS 
und das mich ist Objekt des Holens, nicht Subjekt. 

Dagegen: Oü les avez-vous laissis accroche^' = „Wo 
habt ihr sie hängen gelassen^^, (hier ist sie Subjekt des 
Hangens!) Reineke Fuchs, Ausgabe von Reclam in seiner 
Univ.-Bibl. p. 17 5. 

(Über das Auftreten und Fehlen des Ersatzes haben 
wir keine Angaben gefunden in BDeyse, Wörterbuch, 
2ter Teil, p. 193 ; auch nicht in dem von Sanders, Band II, 
Erste Hälfte, p. 32, Sp. 227. M. Heyne, Wörterbuch, 
2ter Band, Spalte 560 ^ spricht sich ebenfalls nicht da- 
rüber aus, so weit wir gesehen haben. 

Versuchen wir das oben über lassen Gesagte mit dem 
hier ausgeführten zusammenzufassen und in einer Regel 
auszudrücken, so möchten wir sagen: 

Besteht das Prädikat eines Satzes aus dem 
Hülfszeitwort lassen mit einem davon abhängigen 
obliquen Infinitiv und hat das Prädikat ein 
Hauptwort im Akkusativ als Objekt bei sich, 
dann sind 2 Fälle zu unterscheiden: 

1) Das im Akkusativ stehende Hauptwort ist 
begrifflich Subjekt der in dem obliquen Infini- 
tiv genannten Thätigkeit, alsdann sind in den 
aktiven Formen von lassen Ersätze und eigent- 
liche Participia im Ganzen wohl gleich beliebt 
und lasset! gestattet auch die Bildung eines 
Passivs und nimmt dabei den Akkusativ des 
aktiven Satzes als Subjekt im Nominativ zu 
sich; — 



— 103 — 

2) das im Akkusativ stehende Substantiv ist 
begrifflich Objekt der im obliquen Infinitiv 
genannten Thätigkeit, oder, wie man zu sagen 
pflegt, der oblique Infinitiv hat passive Be- 
deutung, 

alsdann sind eigentliche Participia in den ak- 
tiven Formen unstatthaft und ein Passiv ist 
unmöglich. 

Nebensatz . L Ersatzhaft. 

Gewöhnliche Wortfolge. 

Dafs ir uns so lavg haut verfüren lafsen und habt sovil 
Prediger diser ler also lang mit disputieren unangefochten 
gelassen, Dialoge 21 jj. 

Wie er sich an seinem Tische oft hat vernehmen lassen, 
Mathesius 253. 

Gotty der du mich der weit gehurt hast sehen lasset!, 
Opitz 21^. 

Als wenn ich den Catonem . . . hätte auflegen lassen, Erz- 
narren 3 9 . 

Dafs ich den Schelmen , , . habe aufwarten lassen, Tobias 
22i8. (Anderes Beispiel 74 9). 

Der sich die Tragische Poesie hat angelegen sein lassen. 
Cato 16 'K 

Da (= während) man es , , , daran nicht hatte fehlen lassen, 

Cato 23i2» 

Nun fiel mir ein, dafs der Mann vor acht Tagen hatte 
taufen lassen, Werther 29 2^; (andere Beispiele 41 3; 93 2 ; 
107 8). 

Wo er sich . , . hatte huldigen lassen, Schiller (Erz.) 66^^, 

Als dafs sie jene wichtigen Dinge . . . ohne Aufsicht hattest 
stehen lassen, Ibsen 99^. 

Dafs sie sichs grofse Summen würden haben kosten lassen, 
Mendelssohn lÖj^. 

Altere Wortfolge. 

Es mufs ein hesundere plage von got gewesen sein, dafs 
fsouiel vorstendige leut, sich haben lassen beredest, Luther 



— 104 — 

(Adel) 3817. (Dies lassen kann auch ein wirkliches Particip 
sein; p. 38*' sagt Luther Wer hat es yhm geben?) 

Die Heiden sagen von ihrem Hercule das er sich habe 
lassen zuletzt die Weiber 'narren, Luther (Neubauer) 77^ 
(= „dafs er sich zuletzt von den Weibern habe verspotten 
lassen". 

Im alten gesetz hat got die Rirten sein wort lafsen ver- 
künden, Dialoge 2635. 

„Lessingsatz" früher. 

Dafs sie nicht leichtlich etwas öffentlich aufskommen lafsen. 
Opitz 502. (Der Zusammenhang erweist hier das Perfekt). 

Er gehört gewifs unter die Juden ^ welche zwey hundert 
Jahr vor Christi Geburt das neue Testament in einem Felsen 
gefunden und sich dahero tauffen lassen. Tobias 76io. 

. . . den Gehorsam, , . . den sie, von Anfang ihres Lebens 
gegen Ihre , . . Frau Mutter blicken lassen. Canitz 190 ^^ 

„Lessingsatz" heute. 
Fm Buch, welches er auf dem Tische liegen gelassen, Ebers, 
p. 6, Spalte I39. 

IL Ersatzlos. 

Das (ich dich) lebendig aus meinem rächen kommen ge- 
lassen habe, Luther (Fabeln) 12^. 

Welche sie liegen gelassen hatten, Jarz 42i7. 

Ich will mich nur eben erkundigen, ob ich nicht die Nacht 
meinen Hut dort hängen gelassen habe. Berliner Tageblatt 
(Mai 1893). 

Abnormales. 

Wein... den sie stehn lassn hadtn, Botsteber 41 3. 

Dafs wir , , . beuelchen lassen haben. Karl V, 9 ^. 

Nicht dafs sich nicht auch hier . , , mehrere gute Seelen 
rühren hätten lassen, Kenan 250 j. (Zwei andere Beispiele 
dieser Abnormahtät 251 15, 252 j.) 



Machen. 

Ehe wir den Stoff zu diesem Zeitwort bieten, noch 
eine Bemerkung. Machen mit einem Accusativ und reinem 



— 105 — 

Infinitiv z. B. jjicli mache Hin glauhen" kommt heute ver- 
hältnismäfsig wenig vor. Eigentliches Gemeingut aller 
Sprechenden sind nur die Ausdrücke von sich reden 
machen, glauben machen, zu schaffen machen, zu thun 
machen* Die andern, die hin und wieder nach Analogie 
dieser oder in direkter Anlehnung an franz. faire oder 
englisches maJce versucht worden sind, haben noch ein 
ungewöhnliches, wenn nicht geradezu fremdartiges Ge- 
präge. Dies gilt namentlich von Ausdrücken wie lachen 
machen, weinen machen, steigen machen, verschwinden 
machen und ähnliche. Man braucht sich deswegen nicht 
zu wundern, dafs diese Verbindungen von machen + Äcc, 
+ Inf. von namhafter Seite für Gallicismen gehalten 
worden sind: Heyse (Äusf Lehrbuch, 1844; 2ter Band, 
p. 126 16) sagt nämlich: Diese letztere Fügungsweise ist 
jedoch im Deutschen auf wenige Anwendungen beschränkt 
und scheint ein GaUicismus zu sein. Diesen Namen 
werden sie nun aber doch wohl nicht mit Recht führen, 
wenn auch das besonders häufige Auftreten derselben 
gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wohl auf kaum 
etwas anderes als französischen Einflufs zurückzuführen 
ist. Einzelne Beispiele lassen sich eben bereits aus sehr 
früher Zeit anführen: Amis, Wolfdietrich, Rabenschlacht, 
Narrenschiff, Geiler. Dann nennt Ebdmann (p. 111) aus 
der Bibel von 1470 die Stelle 1 Mose 2ü, 22: Nu hat es 
Gott machen wachsen, wofür Luther sagt (Bindseil- 
Niemeyer, Erster Teil, p. 53) Nu hat vns der Herr räum 
gemacht vnd vns wachsen lassen im Lande; und M. Heyne 
führt an 4 Mose 14, 36 aus Luther: Die Menner, die 
Mose gesandt hatte . . . vnd da wider murren machten die 
gantze Gemeine, Ferner weist Adelung in seinem grofsen 
Wörterbuche (Ausgabe von 1807; dritter Teil, Spalte Öse) 
auf die Stellen hin bei Luther: 5 Mose 27, 18: Verflucht 



— 106 — 

setfy wer einen Blinden jiren macJit auff dan Wege; 2 Sam. 
12, 14: Aher weil du die Feinde des Herrn hast durcli 
diese Gescliidit lestern gemacld; 1 Kon. 14, 16: Jerdbeanu 
der da gesündigt hat vnd Ifrael hat sündigen gemacld; 
Jesaia 38, 16: De^in du liessest mich entschhffen, V9id 
machtest mich Jehen (Wir haben diese Stellen nach Bind- 
seil -Niemey.er angeführt). Und wir selbst fanden an 
Belegen: Lutheb, 1 Kon. 21, 22 : Da mit du erzürnet 
und Ifrael sündigen gemacht hast Jesaia 14, 16: ikf das 
der Many de^' die Welt zittern vnd die Königreiclie hd)en 
machete; Hans Sachs, Dialoge 24 20: Wenn man nur die 
evangelischen predig&r kunt sdnveigen machen; Derselbe 
4624: macht manglen die dürftigen der crd; Ders. 56 i^: 
Und macht sie gritnen; Cuet Müllee 162^2 (ans dem 
Jahre 1621): Man könte die Kühe zu melcken machen; 
SiMPLicissiMUS 219 1^: Darauff erlaubte ich ihnen . . . 
meinen . . . Leih • . • empfinden zu machen; EnzyAKREy 
119": Das Iconte niemand zu stehen machen; Derselbe 
197 ^: Ich 7vill den Wcil^'n hald zu reden machen; 'Eitles- 
SPIEGEL 17": Und machte die Leide glaulien; Drama- 
turgie 40s: Sie halten Scmien, die uns atis Herzensgrund 
zu lachen machen; Ebenda 85 25-. Macfd uns nidd Josias 
zu lachen; Wekther 820: Die uns so oft zu lachen 
machten; Eben da 51 ^: Das macht midi zu lachest; 
Schiller (Erzählungen) 62 J^*: Die Höhe machte seinen 
Ehrgeiz schwindeln. 

Sehr bezeichnend finden wir es, dafs Voss, Odyssee 
4, 801 ursprünglich sagte: 

Dafs sie Penelopeia, die Jammernde, Hcrzlichl^rühte 

Buhtm mache vom Weinen 
und später veränderte: Buhen //efse vom Weinen. 

Voss scheint das ruhen machen also nicht behagt zn 
liaben. Auch sagt Ai)ELr>'G (WöHerhwh, 1807; Dritter 



— 107 — 

Teil, Spalte 528) jjMan tadelt diese Wortfügiinr/^^ und nennt 
in seiner Sprachlelire für Schiden (Ausg. v. 1816, p. 37Gii 
und p. 377 7) als Ausdrücke, in denen machen + Inf, steht 
nur: ^^lachen machen y weinen machen, oft auch gehen 
machen, laufen machen.^^ 

Hiernach sind wir wohl zu der Annahme berechtigt, 
dafs machen + Äcc. + Inf zwar schwerlich als Gallicis- 
mus angesehen werden kann, in seiner Bildung aber 
trotzdem über kaum etwas mehr als Ansätze hinaus- 
gekommen ist. Und dann braucht es denn auch wohl 
nicht aufzufallen, dafs unsere Belege für dasselbe und 
sein Verhalten zum Participersatz nicht gerade zahl- 
reich sind. 

Hauptsatz. 

Das hat mich zu lachen gemacht, Weethee 33 ^^ 

Meine Bestürzung hatte mich dieses glauben gemacht, 
ScHiLLEE (Erz.) 13 '^0. 

Ein solcher Gedanke hätte manche andere tanzen gemacht. 
Haupf 174 3. 

Er hat wirklich genug von sich reden machen, Beach- 

VOGEL 148,5. 

Seit sieben Jahren hat Freiland viel von sich reden ge- 
macht Feeiland 253. 

Die Medchen hadtn , , , ihm lachn gemacht, Botstibee 

12n. 

Nebensatz. 

Gemütsart^ die mich . . . manches hat leiden machen, Goethe 
(in GoEDEKE 137 ^^), 

Nachdem das Elend der folgenden Regierungen das Elend 
der seinigen vergessen gemacht hatte, Schillee (Krieg) 36^^. 

Was Tausende vor ihm straucheln gemacht hat, Schillee 
(Erz.) WK 

Er erklärte, dafs ihm die Geschichte Aioollos viel zu denken 
gemacht, KeenningH^. 

Hierzu gesellen sich noch die drei vorhin citierten 
ersatzlosen Stellen aus Luther: 2 Sam. 12, 14; 1 Kön. 



— 108 — 

14, 16; 1 Kön. 21, 22 und das ersatzhafte Beispiel aus 
der Bibel von 1470. 

Das giebt denn im Ganzen 14 Beispiele oder (wenn 
wir das aus Kernning als modernen „Lessingsatz", der 
den Ersatz nicht mehr gestattet, aussondern) 12 Bei- 
spiele, unter denen 11 ersatzlose und nur 2 ersatzhafte. 

Nach unserer Erfahrung können wir also nicht anders 
' als den Ersatz im Verhältnis zu dem eigentlichen Particip 
für ziemlich oder vielmehr für durchaus selten zu er- 
klären. Sanders meint aber, das eigentliche Particip 
überwiege nur „im allgemeinen" und nach Geimmä Wörter- 
buch ist der Ersatz sogar üblicher. Handelte es sich 
hier nicht um Grimm und Sanders, so wären wir mit 
unserm Urteil schnell fertig; wir sagten einfach, ihre 
Angaben seien nicht richtig. 

Aber was nun? Verlohnt das Wort etwa eine 
Sonderuntersuchung? Wenn ja, dann später! 

Sehen. 

Hauptsatz. I. Ersatzhaft. 

Gewöhnliche Wortfolge. 

Er hätte den Friester hey Vollendung des Brieffes lachen 
sehen. Erznarren 27 2. 

Ich kam und habe selbst den Cato liegen sehen. Cato 96 ^. 

Ich hab manchen sterben sehen. Werther 102^. 

Der Bediente sagte ja, er habe dessen Pferde dahinführen 
sehen. Werther lOSj^. 

Ich habe ein fallsüchtiges Weib gesund aus der Kirche 
gehen sehen und den Gott der Galiläer preisen. Ibsen 119 * 2. 

Altere Wortfolge. 
Und niemand habe sie sehen fortwandern. Zschokke 131 *. 

IL Ersatzlos. 

Es ergab sich, dafs Agathyrsus . . . zwei Störche . . . über 
dem , , . Teiche schioeben . . . und . . . einen seiner . . . Be- 



— 109 — 

wohner . . . die Beute derselben werden gesen habe, Abdeei- 
TEN 1999. 

Er hat einen Mann zu sich hereinkommen gesehen» v. Ess: 
Apostelgesch. 9; 12. 

Die eine wollte auch glühende Augen durch die Zweige 
funkeln gesehen haben, Judenbuche 1042. 

So würde er die Kolonne die Linie aufwärts verfolgen ge- 
sehen haben, Scheer 102 2. 

Wachtmann hatte . . . den Kapitän ein Stück Holz auf- 
nehmen gesehen, Schmidt 42 *^ 

Ich hab noch keinen Jungen so leicht in der Patsche kommen 
gesehn, Botstibeb 624. 

Wir haben Vorlagen recht unerfreulich verkümmert und 
verändert zurückkommen gesehen, Bismaeck (Meyer) 225*"'. 

Nebensatz. 

Gleichwie ich beym Tantz hatte thun sehen, SniPL. 93 * ^ 
Dafs er sie , . . bitterlich habe weinen sehen, Hauff 140 *^. 

„Lessingsatz" früher. 
Und es ergab sich , , , dafs man sie öfters über dem ge- 
heiligten Teiche schtveben sehen, Abderiten (Ausg. von Ph 
Eeclam in dessen Univ.-Bibl. No. 332—34) p. 237i9. [^ ^^r 
oben angeführten Ausgabe steht die Stelle anders, nämlich 
wie oben!] 

„Lessingsatz" heute. 

Die Götter wissen es, , , , mit was kummer ich jederzeit 
das licht der Sonnen aufgehen gesehen, Banise QOq. 

Die Blitze, die wir schon lange am Horizonte leuchten ge- 
sehen, Werther 20 ^ 

Nachdem er . , , Helene sich zu einem so unfreundlichen 
Spaziergang anschicken gesehen, Gottsched 28 ^ 

Nachdem ich seinen Diener aus dem Hause gehen gesehen. 
Grüner 102 \ 

Dies sind also neun Beispiele mit Ersatz, sieben mit 
eigentlichem Particip und vier moderne „Lessingsätze". 

Hieraus dürften wir denn wohl den Schlufs ziehen, 
dafs alles in allem genommen bei sehen Ersatz und Par- 
ticip sich so ziemlich das Gleichgewicht halten. Unserem 



— 110 — 

eigenen Sprachgefühl sind allerdings die ersatzhaften 
Eormen lieber. Eine etwaige Eegel für das Auftreten 
resp. Fehlen des Ersatzes haben mr auch wiederholt 
gesucht, aber nicht finden können. 

Hören. 

Hauptsatz. I. Ersatzhaft. 

So Jiab ich ein mal hören sagen, Alberus 19 2. 

Da sprach der Frosch, Ich hin geivesen 

Zu Collen f vnd hob hören lesen, Alberus 174*^. 

Wer hat zue vor auch nicht von r lesen hören sagen. 
Opitz 21,4. 

Quin, hah ich datvider erinnern hören, ist kein schlechter 
Schauspieler gewesen, Dram. 30 ^ 

(Anderes Beispiel dieser Art 51 ^0.) 

Sie hatte sich noch von keinem Menschen Braut nennen 
hören, Haut'f löOjs- 

Ich habe davon sprechen hören, Mügge 6814. 

IL Ersatzlos. 

Von tvilden g et wer gen hän ich gehoeret sagen. Nibelungen. 
(Angeführt im grofsen Heyse, I; 1836; p. 787 17). 

Er habe den Hr, Doctor rühmen gehört. Erzn. 118 ^^ 

So hatte sie dieses Instrument nie spielen gehört. Hauff 73 ^. 

Ich hatte oft, sehr oft von ihm sprechen gehört. May 222 ®. 

Ich habe sie früher nie so sonderbar sprechen gehört. Thö- 
roddsen 144 ^^. 

in. Schwanken. 

Man hätte eine Mücke fliegen gehört, Erckmann-Chatrian 
(Meyer) 33i2« Ders. p. 38^. 

Ich habe aber nicht davon sprechen hören, Pemer Lessing, 

• • 

Dram, 30^ u. 51 1^: Ersatz; dagegen in der Übersetzung von 
Diderots Hausvater, 69^; Particip. 

IV. Hören neben Sehen, 

Es ist schwer, sich einen gellebten Menschen , den man 
frisch und gesund hat scheiden sehen, tot zu denken. Hat man 
ihn bleich und starr vor sich gehabt in dem schwarzen Sarge und 



— 111 — 

seine kalte Hand gefafst und die Erde auf den Sarg poltern 
gehört, "Wicheet 37 ^^ — ^^ 

Er hatte beide weinen sehen, beide schreien gehöret. Haus- 
vater 69 ^^ 

Sie hatte . . . von dem „verrückten Baron'' erzählen ge- 
hört, "WrLDENBEUCH 17 ^ 

Vorhin, als sie den blassen einsamen Mann , , , an der 
Thür hatte lehnen sehen, Ders. 17 ^ 

Nebensatz. I. Ersatzhaft. 

Die sie am Abend zuvor mit Heilingen , , , hatte flüstern 
hören. Köener 14^0, 

Sobald sie ihn droben hatte eintreten hören, DANArDE2177. 

IL Ersatzlos. 

Er gehet nach dem Ort, wo er gehen gehöret, Haus- 
vater 14^. 

Ob Anton nichts in der Kärntner gehen gehört habe, 
Eeiser 56 ^*. 

Null liefse sich zehn gegen eins wetten, ob sie den Frieden 
verkündigen gehört haben, Arenz-Clümper 5i. 

Die tvir als die schönste der Gegend hatten rühmen gehört, 

NORDAU 39 6 . 

Als hätte ich auch Ihren Namen nennen gehört, Danaide 
221 ^ 

Den wohl niemand . . . laut sprechen gehört hat, Meiss- 

Das sind also 14 Participia gegen 8 Ersätze (die sich 
aufhebenden schwankenden Fälle nicht mitgerechnet). 
Demnach darf man wohl annehmen, dafs bei liören das 
Participium im ganzen genommen überwiegt. [Nichts 
desto weniger werden von hören bereits aus dem Mhd. 
Belege für den Ersatz angeführt: 

Ich hän des hoeren jehen: Gudrun (aügeführt in Becker 
1836, femer im grofsen Blatz). Ir habt ez ofte ho^ren sagen: 
Rabenschl. (auch in Blatz); doch sind die Handschriften 
beider Gedichte nicht älter als das 15 te Jalirh.] 

Hören in der Bedeutung vernehmen, erfahren hat nur 
einen Objektsatz, keinen Infinitiv bei sich. Mügge 10 ^^r 



— 112 — 

Ich hohe nie gehört, dafs unter den Friesen sich eine 
Familie Hammersteen befunden hätte. 

Lehren. 

Hauptsatz. 

Mich hat mein eignes einzustellen 

Bescheidenheit und Scham gelehrt, Teillee 11 ^". 

Ich habe dich selbst gelehret reden, deiiken und empfinden, 
Hausvatee 3615. 

Wer hat den Mann gelehrt, . . . mit einem einzigen Kopf- 
drehen uns auf einmal zu zeigen, Deam. 80^*. 

Ich habe dich gelehrt, den Bogen zu führen und den Jagd- 
spiefs zu toerfen; ich habe dich gelehrt, die Tautropfen zu 
zählen . , ,; ich habe dich gelehrt, in der Nacht wie am Tage 
den geraden Weg zu deinem Wigwam zu finden. Bieenatzki, 
Der braune Knabe, (1839); Meyers Volksbücher No. 513—517, 
Seite 140^3. 

Du hast mich gelehrt beten und fiehen. Derselbe p. 267 ^^ 

Diese Kräuter habe ich mit Mühe kennen gelernt, mit Mühe 
habe ich sie mein Weib und meinen Sohn kennen geleh* . 
Heedee 83 2. 

Du hast mich dich lieben gelehrt, Schlemihl 44 ^ 

Die Humanisten hatten ihn , . , diesen , . . Schacher . . . 
gründlichst verachten gelehrt, Beachvogel 32 ^ K 

Erst vor kurzem hat mich ein glücklicher Zufall ein Schrift- 
stück kennen gelehrt, Beügsch 355. 

Mose hat Jahve , , , verstehen gelehrt. Doeene 16 ^^. 

[Wer hat dich so geler et teilen; Luthee, (Fabeln) 10*^; 
Wer hat dich so leren teilen; Ders. 18 jj!] 

Nebensatz. 

Der euch solch tolle antwort zu geben gelert hat. Al- 

BEEUS 12 13. 

Die mich alles verachten gelehrt hat, Hausvatee 43 ^ 
Sie haben sie selbst gelehret Ihr väterliches Ansehen ver- 
achten, Hausv. 892 3- 

Alle jene Künste, die ein edler Stolz und eine natürliche 
Erhabenheit der Seele den Minister verachten gelehrt hatte, 
SoHiLLEE (Erz.) 63ii. 



— 113 — 

Er zeigt, dafs die Erfahrung sie gelehrt hat zu beobachten. 
Darwin 323 ^\ 

In dem, was er malte, sieht das Äuge, welches der Zer- 
gliederer bemerken gelehrt hat, eine . . . Georg Forster, An- 
sichten vom Niederrhein'j Halle, Hendel; p. 55 j. 

Ich will einen „Konsequenz fall" erzählen, der mich im 
vorigen Sommer beten gelehrt hat, Ackleitner, Geschichten 
aus den Bergen, dritter Teil; Eeclams TJ.-B. 2769, p. 97^. 

Hiernach sind wir also nicht imstande gewesen, ein 
einziges Beispiel für den Ersatz bei lehren aufzutreiben; 
denn das aus Luther angeführte wird durch das dabei 
stehende ersatzlose neutralisiert. "Wir müssen auch ge- 
stehen, dafs unserem eigenen Sprachgefühl der Ersatz 
durchaus widerstrebt. M. Heyne (im Wörterbuch, unter 
lehren) führt auch kein Beispiel mit Ersatz an. Heyse 
zieht sogar dagegen zu Felde {Wörterbuch, 2ter Band, 
p. 42 10): „Statt des Mw. gelehrt in Verbindung mit einem 
Infinitiv den Infinitiv lehren zu setzen, ist weder allgemeiner 
^och nachahmenswerter Sprachgebrauch, also nicht: er 
hat mich schreiben lehren, sondern gelehrt'''' Auch bereits 
Adelung verurteilt den Ersatz im Wörterbuch (H, 198729). 

Anders dagegen Sanders. Er meint (im grofsen 
Wörterbuch, 2ter Band, p. 88, dritte Spalte, Z. 55 v. o.), 
das Particip sei heute wohl „im Ganzen die gewöhnlichere 
Form." Doch führt er als Belege nur zwei Beispiele mit 
Ersatz an, unser oben schon erwähntes aus den Nabeln, 
das gar nicht beweiskräftig ist, und eins aus Lewald. 
Nur Kehrein, p. 212, kennt noch ein Beispiel mit Ersatz 
aus Thümmel (das sich aber schon in Adelung findet). 

"Wenn aber nichts mehr für die Behauptung von 
Sanders spricht, dann ist sie hinfällig. 

Wir gestatten uns somit den Schlufs: Der Ersatz 
bei lehren ist niemals zur völligen Ausbildung 

gelangt; die etwa vorhandenen Belege sind nur 

8 



— 114 — 

als Ansätze dazu zu betrachten, und da keiner- 
lei theoretische Gründe zu Gunsten des Er- 
satzes sprechen können, so empfiehlt es sich ihn 
durchaus zu vermeiden. 

Lernen. 

Hauptsatz. Obliquus ohne zu. 

Lernen nimmt zunächst einen reinen InfinitiT zu sich 
z. B. rechnen lernen, schreiben lernen u. s. w. und dieser 
Infinitiv kann auch einige nähere Bestimmungen zu sich 
nehmen. Dann zeigen sich ersatzhafte Formen häufiger, 
besonders in der Verbindung Tiennen lernen. 

L Ersatzhaft. 

Gewöhnliche Wortfolge. 

Es hätten dessen Kinder ihre verführt und ihnen den heiligen 
Christ kennen lernen (= gelehrt nach altem Sprachgebrauchy 
besouders nach dem des 17. Jahrhimderts). Ebznabben ISS,. 

Kaum hah ich euch als Vater kennen lernen. Cato 82*. 

Würde er , . . haben kriechen lernen? TTusRTngH 32g. 

Einen braven Menschen hah ich kennen lernen. Webtheb 8 •. 

Denn ich habe in meinem Mafse begreifen lernen. 'Wbb« 

T H KH o (7 2 7 • 

Ich habe den Grafen C. . . . kennen lernen. Webthbb 52 '. 

Die Stände hatten die Macht kennen lernen. SchüiLbb 
(Krieg) 21,. 

Altere Wortfolge. 

Wo habt ihr lernen Comoedien machen. Tobias 83 ^ 

H. Ersatzlos. 

Ebenso häufig, wenn nicht noch häufiger, zeigen sich 
hier aber ersatzlose Formen. 

Gewöhnliche Wortfolge. 
Ich habe predigen gelernt. Ebznaeiben 186 2« 
Der Hund hat viele Worte und Befehle verstehen gelernt. 
Hebdeb 35^. 

Früh schon hatten sie sich kennen geleimt. Köbnbb 1 \ 



— 115 — 

Ida hatte selbst etwas Weniges klimpern gelernt, Hauff 73 \ 

Er hatte . . . den jungenBaron Kolk kennengelernt, Mügge 1 ITj 2 . 

Sie hohen kennen gelernt, wie es mit Volksgunst steht, 
MüaaE 2536. 

Ich hatte den alten Sechsbretterritter in meinem ersten 
Engagement kennen gelernt, Bbentano, IV; (Reclam, Univ.- 
Bibl. No. 3246) p. Sj^. 

Altere Wortfolge. 
Er . , , hat also gelernt tönen, Hebder öO^. 

Eine ersatzlose Form kommt im Werther nicht vor. 
Umgekehrt ist die ersatzhafte Form in Herder nur ein- 
mal belegbar. Auch in Hauff, Immermaktn, Sophie Becker 
ist der Satz Er hat kennen lernen, wie es uns scheinen 
will, nicht, oder kaum zu finden. 

Einen merkwürdigen Vergleich beider Formen mit 
einander gestattet Goedeke. In seinem Buche über 
Goethes ' Leben (Cottas Bibliothek der Weltlitt eratur, 
Band 50) fanden wir Ich habe kennen gelernt p. 59 ^^, 
79 ^ 122 1^ 159 ^: Ich habe kennen lernen aber nur p. 24i2. 

Da nun die von uns gebrachten Belege für den Er- 
satz keinem der Schriftsteller unserer Tage angehören, 
umgekehrt die ersatzlosen Formen grofsenteils aus der 
jüngeren Litteratur stammen, soistwohlder Schlufs gestattet, 
dafs gegenwärtig im Gegensatz zum vorigen Jahrhundert 
die ersatzlosen Formen durchgängig bevorzugt werden. 

Obliquus mit ^u. 

Lernen hat aber auch in der neueren Litteratur häufig 
einen Infinitiv mit zu\ in der Regel allerdings nur, wenn 
dieser Infinitiv nähere Bestimmungen bei sich hat, aber 
auch, wenn das nicht der Fall ist. 

Ist das nicht der Fall, dann kann der Obliquus 

vortreten: 

Weil man nicht zu denken gelernt hat. Fliegende Blätter 
(14. Januar 1894). 



— 116 — 

Er hatte sich zu "beherrschen gelernt. Heinrich Kubz, 
grofse Litteraturgesch., Artikel über Ernst Schulze. 

Ist das der Fall, so tritt der Obliquus hinter das 
Regens und zwar: omnia sua secum portans. 

Seit etlichen Tagen erst hatte Luischen von ihrer Mutter 
gelernt f die Nähnadel zu fuhren, Salzmann (Kt.) 35^^. 

Du hast gelernt, den Mund verschlossen zu halten, May 70 ^ 

Als Ausnahme dürfte die Wortfolge gelten in diesem 

Beispiele: 

Sie hatten eine gewisse Kriegserfahrung und vor allen 
Dingen zu schief sen und die Geschütze zu bedienen gelernt. 
Kölnische Zeituno (7. Februar 1894). 

Bei dem Injönitiv mit zxi kommt nun, gleichgültig, ob 
er vor oder hinter dem Regens stehe, ein Ersatz nicht vor. 



Für das Auftreten des Obliquus mit und ohne zu 
möchten wir nun noch einige Bestimmungen versuchen. 

In den Ausdrücken mit lernen^ z. B. Ich habe kennen 
Jemen; ich habe rechnest lernen u. s. w. enthält das Prä- 
dikat zwei selbständige Zeitwörter, wovon allerdings das 
eine in einem Abhängigkeitsverhältnis zu dem anderen 
steht. Von diesen kann also auch jedes selbständig 
näher bestimmt werden. 

I. Gehören nun die Bestimmungen zum B;egens 
(lernen), dann treten sie im Hauptsatz nach der im 
Deutschen allgemein gültigen Regel zwischen Finitum 
und Particip (zwischen „Wandelform" und „Stehform" 
der Satzaussage); also: 

Ich (habe [in dem Steche eine neue BegeT] gelernt + 

kennen). 

Particip und Infinitivus Obliquus stehen also dann 
zusammen und folglich treten die oben erläuterten Ge- 
setze in Kraft und verwandeln die gegebene Satzform in 
die folgende allgemein bekannte und übliche: 



— 117 — 

Ich habe in dem Buche eine neue Begel kennen 

lernen; 
also auch: 

Ich habe mit meinem Bruder in der Schule rechnen 

lernen. 

IL Gehören aber die Bestimmungen zum In- 
finitivus Obliquus, also nicht zum Regens, dann treten sie 
auch nicht zwischen die Teile des Regens, sondern hinter 
dasselbe vor den Obliquus, zu dem sie gehören. 

Im ersten Falle steht der oblique Infinitiv ohne zu, 
und in dem Regens kommen ersatzhafte und ersatzlose 
Formen so ziemlich gleich häufig vor: im zweiten Falle 
steht der oblique Infinitiv in der heutigen Sprache durch- 
gängig mit zu, und im Regens sind ersatzhafte Formen 
ausgeschlossen. 

Hiernach steht also einander gegenüber: 

I. Ich habe mit meinem Bruder in der Schule rech- 
nen lernen; 

II. Ich hahe gelernt, mit den Umständen zu rechten. 

Es dürfte wohl als Ausnahme gelten, dafs in Fällen 
der ersteren Art der Obliquus mit zu steht. Schwerlich 
wird einer sagen wollen: 

Ich hahe mit meinem Bruder in der Schule zu rechnen 
lernen, 

Wohl kommt es in Fällen der letzteren Ai*t vor, dafs 
der Obliquus mit seinem zu vor das Particip des Regens 
tritt, namentlich dann, wenn der Inhalt als Ganzes ein 
Mifsverständnis ausschliefst: 

Ich hohe mich in alles zu fügen gelernt, oder gar ohne 
zu und mit Ersatz nach Analogie der Fälle ersterer Art: 
Ich hahe mich in alles fügen lernen. Diese Satzform ist 
besonders dann üblich, wenn der Obliquus als nähere 



— 118 — 

Bestimmung nur ein Accusativobjekt bei sich hat. 
Demnach stehen also einander wieder gegenüber: 

a) Ich hohe einen Brief schreiben lernen. 

i3) Ich habe gelernt, nie einen Fehlschufs zu thun. 

Zu den Fällen der ersteren Art wird stets gerechnet 
der Ausdruck kennen lernen; zu den Fällen der letzteren 
Art stets die, in denen der Obliquus das Hülfszeitwort 
sein ist in Begleitung eines Adjektivs. 

Ich habe ihn unter diesen Umständen nie als einen 
Mann von Charakter kennen lernen. 

Ich habe gelernt, auch unter diesen Umständen glück- 
lich zu sein. 

Unserem Sprachgefühl klingt es hart, wenn ein Obli- 
quus mit zu vor das Particip oder den Ersatz tritt. 
Deswegen möchten wir nicht empfehlen, was die Köl- 
nische Zeitung am 7. Febr. des vorigen Jahres (Sieh 
oben!) schrieb. Wir hätten da lieber gesagt: 

Sie hatten eine gewisse Kriegserfahrung und vor allen 
Dingen gelernt zu schief sen und die Geschütze zu bedienen. 

Stehen Fälle der letzteren Art im Nebensatz, so 
möchten wir auch empfehlen, den Obliquus mit seinen 
Bestimmungen lieber hinter das Eegens treten zu lassen. 

Also lieber 
Wenn er gelernt hätte, mit den Umständen zu rechnen, 
als 
Wenn er mit den Umständen zu rechnen gelernt hätte. 

Doch haben wir den Eindruck, als ob die neuere 
Litteratur diese deutlichere Wortfügung nicht gerade 
bevorzuge, obgleich bereits Luther sagt : Jerem. 30, 6 : 

Wie gehets denn zu, das ich alle Metmer sehe, jre 
Hende auff jren Hüfften haben, (Bindseil -Niemeyer, 
4ter Teil, p. 163). 



- 119 — 

In Fällen der letzteren Art hatte die ältere Sprache 
auch den Ohliquus ohne zu. 

In Bezug hierauf finden wir lehrreich, was Luther 
sagt, Philipper 4, 11 (Bindseil-Niemeyer, 7ter Teil, p. 135 
[Wir fanden die Stelle bei Sandees im grofsen Wörter- 
buch unter lernen, Spalte 1?, auf Seite 112]): Denn ich 
habe gelernet, hey welchen ich hin, mir genügen lassen. 
Die neueren Herausgeber der Luther-Bibel (Britische 
Bibelgesellschaft, 1891) machen daraus nämlich: Denn 
ich habe gelernet, mir genügen zu lassen, und so auch 
alle anderen neuen Übersetzungen; van Ess: Ich habe 
gelernt, mit meinen Umständen zufrieden zu sein\ Reischl: 
Ich habe gelernt, mit dem, was ich habe, begnügt zu sein ; 
Allioli: Ich habe gelernt, mich mit dem, was ich hohe, 
zu begnügen, Bibel-Beockbaus : Ich habe gelernt, worin 
ich bin, mich zu begnügen; Kistemaker : Ich habe gelernt, 
ivie^s immer mit mir steht, zufrieden zu sein; Paeallel- 
Bibel, herausgegeben von C. Bertelsmann, 1888, Güters- 
loh: Ich lernte in der Lage^ in der ich bin, genügsam 
zu sein. 

Nebensatz. Obliquus ohne zu. 

I. Ersatzhaft. 

Gewöhnliche Wortfolge. 

Das helfe uns der Vater Jesu Christi, den wir durch D, 
Martins Lehre vneder haben kennen und im Glauben anrufen 
lernen, Mathesiüs 55 ^ 

Ich schrieb dir neulich, wie ich den Amtmann S... habe 
kennen lernen. Werther 14 4. 

Dafs ich eins der liehenstmrdigsten Geschöpfe habe kennen 
lernen. Werther 14 ^ 

Da er ,,. ein . . . Schenkmädel habe kennen lernen, Bren- 
tano, 4tes Bändchen p. 9^. 

Altere Wortfolge. 

Und wodurch du hast lernen weinen. Besser (in Canitz 
p. CCX Zeile 4 v. o. im Gedicht). 



— 120 — 

II. Ersatzlos. 

Der .... Frantzösich reden gelernet hatte, Ebzkabbek 
219 \ 

Als sie dort • . . kriechen und brummen gelernt hatten, 
Hebder 33 ^^ 

Das vor dem sechsten Jahre nicht lesen gelernt hatte, Salz- 
mann (K) 124"^. 

Piachi, der . . . Elvire ehendort . . . kennen gelernt und zwei 
Jahre darauf geheiratet hatte. Kleist 96 ^. 

Den ich kennen gelernt hatte, Mügge 1192. 

„Lessingsatz" heute. 
Das leichteste Beispiel, dafs keine Nation in ihrer Sprache 
mehr und andere Wörter habe, als sie abstrahieren gelernt, 
sind die ohne Ziveifel sehr leichte Abstraktion, die Zahlen 

HJEEDER 59 ^°. 

Obliquus mit zu, 

a) Obliquus vor dem Particip des ßegens. 

Diejenigen, welche ein Stück am schärfsten zu beurteilest 
gelernt haben, Deamatüegie 95 jq. 

Je weniger man Begriffe unter einander zu ordsien gelernt 
hat, Herder 61 ^ 

ß) Obliquus hinter dem Particip des Regens. 

Je weniger man noch gelernt hat, einen Sinn ohne den 
andern zu brauchen, Herder 46 ^K 

Diejenigen, die am wenigsten haben und daher gelernt 
haben sollenj es am meisten zu verachten, pflegen . . . Heyse 25 \ 

Die letzte Stelle ist lehrreich. Mit Ersatz müfste sie 
heifsen : 

Diejenigen, welche am wenigsten haben und daher 
es am meisten sollten haben verachten lernen, pflegen . . . 

Kein Wunder, dafs Heyse hier der ersatzlosen Form 
den Vorzug gab. 

Aus dem Vorstehenden dürfte man denn nun wohl 
die Regel ziehen, dafs es sich auch bei lernen (abgesehen 
etwa von dem Ausdruck kennen lernen) durchaus empfiehlt, 
den Ersatz zu meiden. 



— 121 — 

Das ist denn ungefähr dasselbe Ergebnis, zu dem 
schon Adelung gelangt ist, welcher in seinem Wörter- 
Imch (Ausgabe von 1807, unter lernen, Spalte 2031 ii) 
sagt : „ .... in den zusammengesetzten Zeiten scheinet 
es gleichgültig zu seyn, ob man alsdann lernen im In- 
finitiv stehen lasset .... oder ob man der gewöhnlichem 
Form folget, weil man von beyden Beispiele findet. 
. . . Indessen giebt es viele Fälle, in welchen der Infinitiv 
in der vergangenen Zeit anstatt des Mittelwortes das 
Gehör beleidiget. Wird man wohl z. B. gerne sagen: 
hey wem haben sie tarnen lernen? Das Kind hat erst vor 
vier Wochen gehen lernen u. s. f. Daher es scheinet, als 
wenn sich diese Form mit dem Zeitworte lernen noch 
am besten vertrüge." 



Helfen. 

Hauptsatz. 

Ich habe 10 Jahre . . . meinem Junker jagen und viel Fuchs 
und Hasen fangen helfen, Mathesius 218 ^^ 

Hätten auch . . . der Verstorbenen Häuser bestehlen helfen 
(1582). (Gurt) Mülleb 140 ^ 3, 

Jr hant lang die geweichten examinirn helfen. Dia- 
loge 25 ^K 

Der Herr von Ganitz hatte . . . die Selig- Verstorbene , , . zu 
ihrer Buhe-Stätte begleiten helffen, Canitz CCVII (Fufsnote 
Z. 8 V. u.). 

Nebensatz. I. Ersatzhaft. 

Der ...gerne dieselbe hätt erhalten und reformiren helfen. 
Mathesius Aß^. (Anderes Beispiel, aber im Hauptsatz, p. 201 7). 

Dafs er ... hohe züchtigen und . . . das Vaterland retten 
helfen. Obebhop (Spemann) p. 89 15. (Anderes Beispiel: p, 
113 ^*). 

Nachdem sie der Tochter hatte nähen helfen. Obebhof 
(Oarel) 9^6. 



— 122 — 

Den sie hatten heraufieschwören helfen. Volnbt (Ein- 
leitung von E.OBEKT Habs p. 3 ^), 

„Lessingsatz." 
Die den Boden helffen eintreten, Simpl. 94 ^ 
Der den Grund hierzulegen helffen, Thomasius 13^. 
Ich kenne nur eine Tragödie, an der die Liebe selbst ar- 
beiten helfen, Deamatukgie 59 21. 

IL Ersatzlos. 

Er gestand j dafs er Antonien dies Fortepiano haV aus- 
wählen geholfen, Eberhard X: 171. 

Dafs sie löschen geholfen hätten, Jokai 115g. 

Dessen „Hugenotten" kurz zuvor Meyerbeer zu einem Stern 
des Tages machen geholfen hatten, Nohl 19, j. 

über das Auftreten des zu vor dem Obliquus und 
das damit verbundene Fehlen des Ersatzes liefse sich 
wohl dasselbe sagen, was vorhin von lernen ausgeführt 
worden ist. Die ältere Sprache kennt den Obliquus mit 
zu aber nicht und neigt auch zum Ersatz selbst, wenn 
das Regens vorsteht und durch Bestimmungen vom 
Obliquus getrennt ist. Auch ist der Infinitiv mit zu 
lange nicht so ausgebildet als bei lernen. Man vergleiche 
nur die folgenden Beispiele mit ähnlichen, in denen 
lernen steht: 

In Weinsberg half er unserm alten Justinus noch mehr 
Geister sehen, Oberhop (Carel) 18 g. 

Ich will euch helfen stehlen, Grimm 177**^. 

Ich will dir helfen^ meinen Verfolger vernichten. Ibsen 
240 17. 

In folgenden Beispielen haben wir zu\ 

Vorher können wir doch helfen den Menschen zu fangen, 
May 258 \ 

Wenn sie uns hier hilft • . , unsere Zustände zu erkennen, 
Reichstag (Bachern) 59i3. 

Die Perfecta dieser beiden Sätze würden lauten: 
Vorher haben wir doch geholfen, den Menschen zu fangen 
(mit "Weglassung des können)) 



— 123 — 

Wenn sie uns hier geholfen hat, unsere Zustände zu er- 
kennen. 

Heirsen. 

I. Ersatzhaft. 

Hauptsatz . 

Ich habe dich nur heifsen zu mir herausgehen, Schwab IS^. 

Nebensatz. 

Wo Gott nicht hätte solchen Fleifs drauf heifsen haben, 
LxjTHEB (Keclam) 56'', 

Da . • . man seines Sohnes Lehrer von Christo hat reden 
heifsen. Mathesius 179**. 

n. Ersatzlos. a) Obliquus ohne zu: 

Itze is der Johann gekommen und hat ihn geheifsen ver- 
nünftig sein. WrLDBNBEucH 7^. 

ß) Obliquus mit zu\ 

Hab ich keinen Augenblick gehabt, keinen, an dem mein 
Herz mich geheifsen hätte, Ihnen zu schreiben. Weether 5522« 

Hat dich denn dein Herz geheifsen, au^h nur jemals das 
Geringste für ihn zu thun. "W. Meister 8, 1. (Angeführt in 
M. Heyne unter heifsen, Spalte 109 2*^). 

Als er ... mich zu bleiben geheifsen hatte. Dichtung und 
"WAHRHEIT 10 (Auch in Heyne 109 i^). 

Ich hab* ihn nicht geheifsen, inkognito zu reisen. Goethe 
(Angeführt in Sanders unter heifsen, Seite 732, Spalte II 
Z. 8 V. u.). 

Brauchen. 

I. Ersatzhaft. 

Der Mann hätte nicht viele Menschenalter zu warten brau- 
chen. Cicero 142 **. 

Sie würden nicht mehr . . . Winkelzüge haben zu ersinnen 
brauchen. Lindau 85 j. 

Man hätte die Provinz nicht zu beunruhigen brauchen, 
Saroey 252* 

Ich hätte es ja nur herauszuziehen brauchen. Tolstoi 29 ^^. 



— 124 — 

Das hette er doch nicht zu tun brauchn, Botstibee 55 **. 
IL Ersatzlos. 

Ihr hättet mich nicht zu mahnen gehraucht, Paul, Mittel- 
hochd, Grammatik, 1884; p. 115**, 

Das hätte man den Soldaten aber nicht besonders zu 
empfehlen gebraucht. Danatdb 182 2, 

Hiemach ist also bei hraiwlien der Ersatz entschieden 

üblicher, als das Particip. 



Pflegen. 

I. Ersatzhaft. 
Hauptsatz. 

Gewöhnliche Wortfolge. 

So hat man vnsere Musen zue mahlen pflegen, Opitz 11 3 
(Opitz konjugiert übrigens ijflegen schwach, p. 17^^, 17 ^^) 

Altere Wortfolge. 

Bischof Alhrecht von Mainz hat pflegen zue sagen, Luther 
(Neubauer) 175 ^ 

Ynd llonsardty wie Muretus meldet, hat pflegen zue sagen, 
Opitz 13 2 j. 

Nebensatz. 

Wie . . . er die ziemliche scharffe Frage vordessen an 
anderen dergleichen Personen . . . hat pflegen zu exeguiren, 
(Ouet) Müller (Stelle aus Carpzow, aus dem 16ten Jahrh.) 
129 8. 

IL Ersatzlos. 

Hab ich auch je gepflegt dir also zu thun. Luther, 4 Mose 
22, 30 (BindseU-Niemeyer, Erster Teil, p. 322). 

Deren Frack ich .... zu tragen gepflegt, Bakosi 1 ^, 

Der Ersatz ist heute jedenfalls ganz veraltet. Durch- 
aus üblich scheint er uns überhaupt niemals gewesen 
zu sein. 



— 125 — 

Suchen. 



Hauptsatz. 



Der sorgsame Schauspieler hat • • • zu heöbachten gesucht, 
Dbam. 6 3. (Andere Beispiele: U^^; 191% 41^^] 49^0; 
Ö8"; 92 22.) 

Für den Staat . . . würde man sich auch der .... Abgabe 
zu entziehen gesucht haben, Schiller (Krieg) 6^ 

Nebensatz. 

Ja man gesteht so gar, dafs man solche Ungleichheit mehr 
zuzulassen, als zu vermeiden gesucht, Tbiller p. 196 C»^^^' 
bericht zur ersten Ausgabe"; Seiten nicht numeriert.) 

In Sandees haben wir auch keine Belege für den 
Ersatz gefunden. Nur Michael Eichey behauptet, der 
Ersatz sei zu seiner Zeit das Übliche gewesen. Wir 
möchten dies aber bei dem gänzlichen Mangel an Be- 
legen stark bezweifeln. 



Wissen. 

Auch bei diesem Zeitwort soll nach Richey früher 
der Ersatz gewöhnlich gewesen sein. Wir haben aber 
nur einen Beleg dafür finden können, obschon wir von 
Bbaj^^t bis BiSMAKCK, von Hütten bis Heyse eifrig nach 
ersatzhaften Beispielen umhergespäht haben. In Abrä.- 
TTAM A S. Clara (MerlxS Wien, p. 74 S) lasen wir : 
Er • . . • hat sich vnssen mit güldener Erkeniitnifs einzustellen. 

Aufserdem hat Kehrein {Schulgrammatik', Ausgabe 
Tom Jahre 1865) p. 212 is noch ein Beispiel: 

Man hat nicht viel tvissen zu sagen, Ayentinus (•{•1534); 
ebenso Schötensack {Grammatik, 1856; p. 298 13): 

Hai Bom sein siebenbergigt Haupt sonst nirgends hin zu 
legen wissen, Lohenstein, Ibrahim Bassa; 

nnd femer noch Sanders ( Wörterbuch der Hauptschwierig' 
keiten, p. 338, Spalte II 9) : 



— 126 — 

Die ausgezeichneten Beziehungen, welche die vorige Be- 
'gierung zunschen Frankreich und den auswärtigen Mächten 
hat herzustellen wissen. Nationalzeitung 24,344. 

Sie hätten nichts damit wissen anzufangen, Hebel; 

und dann erwähnt er noch ein Beispiel aus Lutheb und 
eins aus Wickeam. (Diese haben wir aber in Sanders 
grofsem Wörterlmch nicht finden können.) 

Zählen wir die beiden letzteren Beispiele mit, so 
wären das also im ganzen nur sieben Belege für den 
Ersatz bei ivissen von Luther bis heute. 

Auf Grund dessen glauben wir es also auch entschieden 
bezweifeln zu müssen, dafs sich der Ersatz bei ivissen zu 
irgend einer Zeit über blofse Ansätze erhoben hätte. 
Denn ersatzlose Beispiele sind von wissen geradezu im 
Uberflufs vorhanden. Einige derselben wollen wir zum 
Beweise des Gesagten hier anführen. 

Die hat man nit wist hafs gen Born zubringen, Luther 
(Adel) 193. 

Diese Kunst hätte der schlimste Handwercks- Junge gleich 
so gut zu practiciren geumst, Erznarren 26^, 

.... Dafs ein bekanter Hoffmann . . . zuliebkosen gewust. 
Thomasius 12 1^ 

Man weifs • . • . dafs er besonders der erbabenen Sprache 
des Milton Genüge zu leisten getoufst. Dram. 30 ^ 

Nie hat ein Dichter ein kleineres niedlicheres Ganze zu 
machen gewufst, als er. Dram. 81 3. (Anderes Beispiel: Dra- 
maturgie 86"^^). 

Doch hatte sich die Frau immer durchzuhelfen gewufst, 
Werther SOjg. 

Was die Protestanten so glücklich zu benutzen gewufst 
hatten. Schiller (Krieg) 22 ^ (Anderes Beispiel 41^^). 

Indessen hatte die Liebe doch endlich obzusiegen gewufst. 
Oberhop (Spemann) 56^^. (Andere Beispiele: öTj, 6I14). 



— 127 — 

Vermögen. 

Ein Kind hätte einzusehen vermögen, Bsbges p. 55 ^q. 
Eine Antwort . . . hat . . . Behel . . . nicht zu geben vermocht, 
Kktchrtaq 107 3. (Anderes Beispiel p. 139 25 aus der Hede 

EUOBK BlGHTBB^.) 

Nie haben Empfindungen sich mächtiger auszudrücken ver- 
mocht, MÜGGE 37 ^^ 

Bedürfen. 

Von diesen habe ich nie etwas zu bitten bedurft, Obebhof 
(Carel) 133 *, 

Fühlen. 

Er hatte eine gewisse Liebhaberei für geistige Dinge i7i 
sich erwachen gefühlt, Gobixeau 188 3. 

Er hatte die schuldige Dankbarkeit nicht verlöschen gefühlt, 
MmßSKE&y Schwarzgold 4, 162 (Angeführt in Saitoebs, Wörter- 
huch der Hauptschunerigkeiten , 24 te Aul p. 16 Spalte l^). 

Das sind die einzigen beschaffbaren Belege zu fühlen 

in der Perfektform. Keins der grofsen Wörterbücher 

hat ein Beispiel für oder gegen den Ersatz, obschon 

sich sonst fühlen + Infinitiv häufig genug nachweisen 

läüst: 

Schaurige Kälte fühlte sie . . . in sie eindringen. Hauff 28 ^ 

Einst fühlf ich mein junges Königsblut 

Von Kraft und von Liebe schäumen. Schwab, Balladen: 
Des Fremden Königreich. (Cotta, 1846, p. 198"^). 

Bald fühlte Lornsen die Flut um seine Füfse spielen. 
MüGGB 86j. (Andere Beispiele: 31 g; 133^. 

Des , , . Führers, der den Geist der Menge in sich leben 
fühlt, Ebnan 150 6. 

Als ich das hörte j fühlte ich meine Füfse unter mir zu- 
sammenbrechen, Eeckmann-Chatbian (Reclam) 70 3. 

Ich fühlte meinen ganzen Körper sich schütteln. Eecb3iaxn- 
Chatbiak (Meyer) 32 13. 



— 128 — 

Er fühlte sich vergehen, Gobineau 226 ^^^ 
Er war es, der sich schwach . . . werden fühlte. Ders. 222 ^. 
Sie fühlte sich auch so etwas von einer Virtuosin zu sein. 
Dbam. 52 ^ 

Gleichwohl sagt Gbtmm im Wörterbuch unter föhlen 
(Spalte 408^2): „übrigens setzt die heutige spräche 
lieber : ich habe . . . sein herz schlagen gefühlt'*' 
Beispiele zur Bestätigung sind aber nicht angegeben. 



Druck von "W. rugulin in Leipzig. 



Vita. 



Der Verfasser der vorliegenden Arbeit wurde, im Jahre 
1860 in der Fabrikstadt Rheydt unweit Düsseldorf geboren. 

Beinahe 19 Jahre alt wurde er als Stud. Philos. an der 
Universität Bonn immatrikuliert. Hier widmete er sich, mit 
einer Unterbrechung von einem Jahre, das er in England 
und zwar grösstenteils als Studierender des University College in 
London zubrachte, philologischen und philosophischen Studien 
bis zum Jahre 1884. Alsdann siedelte er nach den Niederlanden 
über. Dort erwarb er sich die beiden Grade der nieder- 
ländischen Facultas Docendi für deutsche Sprache und 
Litteratur und fand nun auf Grund derselben bald Verwen- 
dung beim niederländischen höheren Unterrichtswesen. 

Damach wurde er im Jahre 1890 zum Mitglied der 
niederländischen Staats- Prüfungskommission für Lehramts- 
Kandidaten der deutschen Sprache ernannt : und dies veran- 
lasste ihn, den Plan zu einer ausführlichen Grammatik der 
deutschen Sprache auf historischer Grundlage zu entwerfen, 
wovon die vorstehende Untersuchung einen Teil ausmacht.